Von Henrik Müller
mm.de: Nichtakademiker haben also Schwierigkeiten, sich auf die raschen technologischen und ökonomischen Entwicklungen einzustellen?
Schleicher: Viele, ja. Das ist ja ganz logisch. Wenn Personen für spezielle Arbeitsgebiete ausgebildet werden und diese Arbeitsgebiete wegfallen, dann haben sie ein Problem. Gefordert ist heute Transversalität - also die Fähigkeit, über Betriebs-, Branchen- und Tätigkeitsgrenzen hinweg wechseln zu können.
mm.de: Der klassische Spezialist, den sich ja nach wie vor viele deutsche Unternehmen wünschen, hat ausgedient?
Schleicher: Klar ist, dass in unserer Gesellschaft nicht mehr Generalisten oder Spezialisten die entscheidende Rolle spielen, sondern Menschen, die sich zwischen diesen beiden Ebenen bewegen können. Natürlich behalten Generalisten, die einen weiten Wissensbereich überschauen und entsprechend transversal agieren können, ihre Bedeutung. Auch Spezialisten, die vertieftes Wissen über einen begrenzten Bereich besitzen, werden innerhalb ihrer Profession weiterhin Anerkennung finden.
In einer komplexen, sich rasch verändernden Welt kommt es jedoch zunehmend auf die Fähigkeit an, sich vertieftes Fachwissen in neuen Zusammenhängen zu erwerben, den eigenen Horizont durch lebensbegleitendes Lernen beständig zu erweitern, neue Rollen einzunehmen und sich ständig neu zu positionieren. Es braucht also Leute, die über ein gutes und ständig ausbaubares Grundwissen verfügen und die in der Lage sind, sich rasch in neue Arbeitsgebiete einzuarbeiten.
Zum Beispiel der Computerspezialist, der in der Pharmabranche daran arbeitet, das Genom zu entschlüsseln und neue Medikamente zu entwickeln. Das sind die Leute, die heute erfolgreicher sind. Diese raschen Wechsel gelingen jenen Personen am besten, die selbstständiges Lernen und Problemlösen seit früher Jugend gelernt haben.
mm.de: Und für die gibt es immer noch angemessene Jobs? Betrifft das viel beschworene "Ende der Arbeit" nur diejenigen, deren Qualifikation obsolet geworden ist?
Schleicher: Wer gut gebildet ist, für den werden die Aussichten am Arbeitsmarkt immer besser, ohne jeden Zweifel.
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