Von Henrik Müller
mm.de: Auch in Deutschland ist ja einiges geschehen. Immerhin hat die rot-grüne Regierung vor einigen Jahren das Ziel vorgegeben, den Studierendenanteil deutlich zu erhöhen.
Schleicher: Ja, auf 42 Prozent. Ein Ziel, von dessen Realisierung Deutschland noch weit entfernt ist - während es bereits heute in vielen Staaten deutlich überschritten wird. Deutschland hat aber ebenso großen Nachholbedarf bei qualitativen Herausforderungen. Dazu gehört die Schaffung eines vielfältigeren, qualitativ hochwertigen Angebots an Bildungseinrichtungen, die flexibler auf die sich dynamisch verändernde Nachfrage eingehen können und für ihre Ergebnisse verantwortlich zeichnen.
Dazu gehört auch eine flexiblere Regelung des Studienzugangs, vor allem mit dem Ziel, die ausgesprochen starke soziale Selektivität des deutschen Schulsystems zu kompensieren und durch eine sozial ausgewogenere Bildungsbeteiligung im Hochschulbereich das Leistungspotenzial junger Menschen besser zu nutzen.
Außerdem müssen die Universitäten die strategischen, finanziellen und administrativen Instrumente in die Hand bekommen, die ihnen eine nachhaltige Finanzierbarkeit eines qualitativ hochwertigen Bildungsangebots bei steigender Bildungsbeteiligung sicherstellen können.
mm.de: Braucht man tatsächlich so viele Akademiker? Führt eine derartige intellektuelle Aufrüstung nicht nur dazu, dass schwächer Qualifizierte ohne Not verdrängt werden?
Schleicher: Es gibt keine Anzeichen, dass der dynamische globale Ausbau des tertiären Bildungssystems zu einer Inflation der Qualifikationen führt. Ganz im Gegenteil, unter den Staaten, in denen der Anteil der 25- bis 64-Jährigen mit tertiären Abschlüssen seit 1995 besonders stark gestiegen ist - Australien, Dänemark, Frankreich, Irland, Japan, Kanada, Korea, Spanien und England - haben die meisten Staaten sinkende Arbeitslosenquoten sowie steigende Einkommensvorteile unter den Hochschulabsolventen verzeichnet. Es gibt einen großen und steigenden Bedarf an Hochqualifizierten.
mm.de: Und das bleibt auch so, wenn China und Indien in ein paar Jahren die Welt mit Akademikern überschwemmen?
Schleicher: Absolut. Es wäre völlig falsch, aus der weltweit steigenden Zahl von Spitzenkräften auf eine sinkende Nachfrage nach höheren Qualifikationen in Deutschland zu schließen - so nach dem Motto, das alles sei ein Nullsummenspiel.
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