Von Henrik Müller
mm.de: Herr Schleicher, die OECD kritisiert seit Langem, Deutschland habe zu wenige Akademiker. Worauf fußt dieser Befund?
Andreas Schleicher (42) ist gewissermaßen "Mr. Pisa". Als Chef der Abteilung für Indikatoren und Analysen bei der OECD in Paris leitet er unter anderem die vielbeachteten Pisa-Studien, welche die Leistungen von Schülern der Sekundarstufe I vergleichen.
Schleicher studierte Physik, machte seinen Abschluss an der australischen Deakin University. Heute beschäftigt er sich mit internationalen Vergleichen von Bildungssystemen sowie mit den ökonomischen Auswirkungen der Bildungspolitik. Der gebürtige Hamburger ist verheiratet und hat drei Kinder.
mm.de: Mit anderen Worten: Deutschland läuft dem internationalen Trend zur Höherqualifizierung hinterher.
Schleicher: So ist es. Viele Staaten haben auf die veränderten Anforderungen bereits vor Jahrzehnten reagiert. Korea, ein Land das in den 60er Jahren das Bruttoinlandsprodukt von Afghanistan hatte, ist von einem der letzten Plätze im OECD-Vergleich in die internationale Leistungsspitze vorgestoßen. Deutschland dagegen ist vom guten Mittelfeld ins letzte Drittel der OECD-Staaten abgerutscht - nicht weil die Hochschulbeteiligung zurückgegangen ist, sondern weil sie in so vielen Staaten so viel schneller gestiegen ist.
Und wie wird die internationale Bildungslandschaft erst aussehen, wenn China dem Beispiel Koreas nachfolgt? Wir stehen heute nicht mehr nur im Wettbewerb mit Staaten, die geringe Qualifikationen zu geringen Kosten anbieten, sondern auch mit Ländern wie China und Indien, die mehr und mehr nach Spitzenqualifikationen streben. Das macht sich auf dem Arbeitsmarkt schnell bemerkbar.
© manager magazin Online 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH