Von Simon Hage
Götz: Es mangelt nicht an demokratischen Institutionen. Zu einer autonomen Entwicklung der Gesellschaft gehört aber auch eine freie Presse. Dass diese unterdrückt wird, erweist sich als ganz großes Problem der russischen Innenpolitik, weil es kein Korrektiv mehr gibt. So kommt nicht an die Öffentlichkeit, wie sehr Putins Politik vom Geheimdienst beeinflusst wird. Zum anderen wird Putin in die Irre geführt, weil er selbst nicht mehr erkennt, was falsch läuft.
mm.de: Putins Amtszeit endet 2008, danach könnte ein Machtvakuum drohen. Sehen Sie die Gefahr, dass Wirtschaftskriminalität und Mafia so ein noch größerer Raum gegeben wird?
Götz: Ich glaube nicht an ein Machtvakuum, dazu ist Russland ein zu gefestigter Staat. Putin wird nach einem Nachfolger suchen, der genau seinen Vorstellungen entspricht. Auch Putins Hintermänner haben ein Interesse an einem nahtlosen Übergang, weil sie nur so ihre Macht erhalten können. Sie hätten am liebsten einen Putin 2, der alles so lässt, wie es ist. Wenn Putins Nachfolger alles beim Alten lässt, wird sich aber auch an den aktuellen Problemen nichts ändern. Dann bleibt Russland ein Staat, dessen Gesellschaft und öffentliche Meinung unterentwickelt sind.
mm.de: Wagen Sie eine Prognose, wo Russland in zehn Jahren steht? Hat es durch den WTO-Beitritt möglicherweise die Chance, sich marktwirtschaftlicher zu entwickeln?
Götz: Russland ist bereits eine Marktwirtschaft. Es ist kapitalistischer als viele westliche Länder. Ansonsten hätte es sich nach der Währungskrise von 1998 nicht so schnell wieder aufgerappelt. So lange der Ölpreis hoch bleibt, wird die russische Wirtschaft auch weiterhin stabile Wachstumsraten erzielen.
Das wäre eine gute Voraussetzung für einen anhaltenden Aufschwung, der aber nur schrittweise in der Bevölkerung ankommt. Russland wird in einigen Bereichen noch für Jahrzehnte ein Entwicklungsland bleiben. Moskau und einige andere Millionenstädte werden prosperieren, während weite Landstriche zurückbleiben. Auch Probleme wie Korruption, Kriminalität und Menschenrechtsverletzungen werden unter den Bedingungen eines autoritären Staats bestehen bleiben.
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