Berlin - Europa hat ein Kommunikationsproblem. Das ist zumindest die Einschätzung von Burkhard Schwenker, CEO der Unternehmensberatung Roland Berger Strategy Consultants. Mit guten Wachstumsraten, hervorragenden Unternehmen und dem größten Marktvolumen der Welt sind die Europäer laut Schwenker nicht nur in der Lage, die USA als Lokomotive der Weltwirtschaft abzulösen, sie sind "fast schon dazu verpflichtet".
Dennoch hat Europa dem Berater zufolge in den eigenen Ländern einen schlechten Ruf – nur 48 Prozent der Bürger hätten Vertrauen in Europa, zitiert er eine kürzlich erschienene Eurobarometer-Umfrage. Nicht eben unschuldig sei daran die Politik, die es bisher nicht merkbar geschafft habe, für weniger Bürokratie und mehr Bürgernähe zu sorgen. Außerdem blieben die Europäer in Hinblick auf die Lust am Unternehmertum und die Offenheit für neue Produkte deutlich hinter den anderen großen Wirtschaftsräumen zurück. Schwenkers Fazit: "Was wir in Europa wirklich brauchen, ist ein Mentalitätswechsel – hin zu mehr Wettbewerb, mehr Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem, mehr Unternehmergeist und mehr Nähe der politischen Institutionen zu Bürgern und Unternehmen."
Ein Versuch, diesen Mentalitätswechsel zu unterstützen, ist der Wettbewerb "Best of European Business", den die Unternehmensberatung zum zweiten Mal gemeinsam mit dem manager magazin und der "Financial Times Deutschland" durchführt. In zehn europäischen Ländern werden dabei die Unternehmen ausgezeichnet, die Europas Vielfalt am besten für profitables Wachstum nutzen. Denn die Unternehmenschefs haben ein deutlich positiveres Bild von Europa als die Bevölkerung. Dies fragte Roland Berger exklusiv für "Best of European Business" unter Topentscheidern nach. Ergebnis: 73 Prozent sehen einen positiven Einfluss der EU auf die Performance ihres Unternehmens.
Wie wichtig Europa als Entwicklungsfeld für global erfolgreiche Unternehmen ist, zeigt die deutsche Preisverleihung, die am Montagabend in der russischen Botschaft in Berlin stattfand. Ein Beispiel ist Haniel, Gewinner eines der fünf deutschen "Best of European Business Awards". Von den 60.000 Mitarbeitern arbeiten 15.000 in Deutschland, der Großteil von 40.000 jedoch ist im europäischen Ausland beschäftigt. Auch Preisträger Vaillant ist im Stammmarkt Europa mittlerweile so stark, dass die Erschließung des chinesischen Marktes ein fast schon logischer nächster Schritt ist.
Klar wurde an dem Abend in der russischen Botschaft aber auch, wie wenig Grund es für europäische Unternehmen gibt, sich mit ihrer momentanen Stärke zufriedenzugeben. Ein Beispiel sind die Wirtschaftsbeziehungen zu Russland, die Thema einer Podiumsdiskussion waren. Hier wurde deutlich, dass noch ein Mentalitätswechsel ganz anderer Art notwendig ist: Weg von undifferenzierten Stereotypen, hin zu echten Partnerschaften. Das ist das erklärte Ziel des Botschafters der Russischen Föderation.
Vladimir Kotenev zufolge ist es ein Unding, dass immer sofort von gierigen Oligarchen die Rede ist, ganz egal, um welche Geschäftsabsichten es sich wirklich dreht. Unterstützt wurde er dabei von John Kornblum, dem ehemaligen US-Botschafter. Dieser rät dazu, zukünftig die Bedingungen und Wünsche der russischen Geschäftspartner zu achten, als nur immer die eigenen Befindlichkeiten im Blick zu haben. BASF-Vorstand John Feldmann, verantwortlich für eine funktionierende Partnerschaft mit dem russischen Energiekonzern Gazprom
, wird da noch deutlicher. Mit Blick auf die starke Verhandlungsposition des Energieriesen Russland sagt er: "Die Zeit des Kolonialismus ist definitiv vorbei". Feldmann empfiehlt deshalb eine schrittweise Annäherung. Gute Beziehungen, so der BASF-Stratege, setzten einen langen Lernprozess auf beiden Seiten voraus, nur so könne das nötige Vertrauen entstehen.
Roland Berger, Gründer und Chairman der gleichnamigen Unternehmensberatung, gab sich allerdings optimistisch, dass sich die russisch-deutschen Beziehungen nachhaltig verbessern werden – aus einem einfachen Grund: "Die Wirtschaft wird die Triebfeder sein".
© manager magazin Online 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH