15.08.2006
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Weltmacht Indien

Der erwachte Riese

Von Olaf Ihlau

5. Teil: Das Geheimnis des Himmels

Das Geheimnis des Himmels

Eine regelrechte Hochkonjunktur als Fluchtpunkt unerfüllter Sehnsüchte hatte Indien dann bei den Dichtern und Denkern der deutschen Romantik, die der kalten Rationalität der Aufklärung eine bessere Welt entgegenzusetzen suchten. Da bot sich Indien, das keiner dieser glühenden Verehrer allerdings je besuchte, als Gegenentwurf an - mit seiner anderen Einstellung zu Zeit und Tod, seiner Seelenhaltung und Geistigkeit, dem Esoterischen, aber auch einer Gesellschaftsstruktur mit gleichsam göttlich abgesegneten Standesunterschieden und Zuordnungen.

"Die Wiege der Menschheit": Hindus beim traditionellen Bad im Ganges
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DPA

"Die Wiege der Menschheit": Hindus beim traditionellen Bad im Ganges

Johann Gottfried Herder ortete die Wiege der Menschheit "im asiatischen Urgebirge". Die Quellen aller Produkte des menschlichen Geistes seien auf dem Subkontinent zu finden, jubelte zu Beginn seiner Sanskritstudien der Frühromantiker Friedrich Schlegel: "Alles, alles stammt aus Indien, ohne Ausnahme."

"Gewissermaßen war dieser Kulturphilosoph auch der erste Protagonist einer strategischen Partnerschaft zwischen Indien und Europa. Er forderte dazu auf, "die Eisenkraft des Nordens" und die "Lichtglut des Orients überall um uns her zu verbreiten".

Schlegels älterer Bruder August Wilhelm übernahm 1818 in Bonn den ersten Lehrstuhl für das neue geisteswissenschaftliche Fachgebiet Indologie, er übersetzte das Epos Ramayana sowie andere klassische Werke der Inder.

Dem Weltgeist Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der zwar den bunten Götterhimmel des Hinduismus ebenso wenig mochte wie Johann Wolfgang von Goethe "diese Götzen", erschien das Wunderreich Indien als eine Welt "der Phantasie und Empfindung; es ist Gott im Taumel seiner Träume, es ist das Träumen des unbeschränkten Geistes selbst". Richard Wagner begann 1856 mit der Komposition einer Oper über das Leben Buddhas, brachte das Werk jedoch nicht zur Vollendung.

Schwer zu überbieten schließlich jene Hymne, die der Indologe Max Müller einmal während einer Vorlesung in Oxford anstimmte: "Wenn man mich fragte, unter welchem Himmel der menschliche Geist einige seiner auserwählten Gaben am vollsten entwickelt, über die größten Probleme des Lebens am tiefsten nachgedacht und zu manchen sogar Lösungen gefunden hat, welche selbst die Beachtung jener verdienen, die Plato und Kant studierten - ich würde auf Indien weisen." Freilich hat auch Müller den Himmel über Indien nie gesehen.

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