25.08.2006
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Lehrstellen

"Das System bedarf einer Überholung"

Von Henrik Müller

4. Teil: Starke Widerstände von allen Seiten

mm: Allgemeinbildung zu vermitteln, kann nicht Aufgabe der Betriebe sein.

Unterricht am Gymnasium: "Die sind dafür zuständig, dass der allgemeinbildende Bereich in Ordnung kommt"
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DPA

Unterricht am Gymnasium: "Die sind dafür zuständig, dass der allgemeinbildende Bereich in Ordnung kommt"

Kremer: Natürlich nicht. Da sind zunächst mal die Schulen gefragt, also die Bundesländer. Die sind dafür zuständig, dass der allgemeinbildende Bereich in Ordnung kommt. Da ist ja jetzt einiges eingeleitet worden, nationale Bildungsstandards und dergleichen. Aber bis die Maßnahmen greifen, dauert es ein Jahrzehnt. Ich würde mir mehr Mut und mehr Konsequenz von den Kultusministern wünschen: Die Länder müssen mehr Geld ins Schulsystem stecken, die Zahl der Lehrer erhöhen, intensivere Betreuung in kleineren Klassen gewährleisten und so weiter. Die nationale Bildungskatastrophe - die im späteren Leben in Arbeitslosigkeit endet - beginnt in den Schulen.

mm: Und Sie meinen, während der Lehrzeit sollte noch mehr Zeit in der Berufsschule verbracht werden, um versäumte Allgemeinbildung nachzuholen?

Kremer: Eher um dem Mangel an Ausbildungsplätzen entgegenzuwirken durch mehr schulische Berufsbildungsangebote. Aber es gibt starke Widerstände dagegen, die Berufsschulen stärker mit ins Boot zu holen - übrigens sowohl von Gewerkschafts- als auch von Arbeitgeberseite.

mm: Unter anderem mit dem Argument, der Berufseinstieg falle bei einer rein schulischen Ausbildung schwerer.

Kremer: Das ist unbestreitbar. Diese Hürde ist für Schulabsolventen deutlich höher. 50 bis 60 Prozent der betrieblichen Auszubildenden bekommen am Ende der Lehrzeit ein Angebot. Aber auf längere Sicht fällt der Nachteil nicht mehr ins Gewicht. Wenn man sich anguckt, welche Bildungswege Arbeitslose im Alter von 35 bis 40 Jahren gegangen sind, dann ist die schulische Ausbildung sogar günstiger. Das liegt auch daran, dass diese Leute im Durchschnitt höhere Schulabschlüsse haben und häufiger im Dienstleistungssektor tätig sind, wo die Beschäftigungsentwicklung günstiger ist als in den klassischen Ausbildungsfeldern Handwerk, Industrie und Bau. Wie gesagt, schulische Berufsausbildung ist leistungsfähig. Bei einer stärkeren Verzahnung mit Betrieben, etwa im Rahmen eines Modulsystems, könnte sie noch besser werden.

mm: In diese Richtung geht ja auch die Entwicklung in der EU. Um Abschlüsse vergleichbar zu machen und gegebenenfalls gegenseitig anzuerkennen, soll ein "Europäischer Qualifikationsrahmen" entwickelt werden, der die Kompetenzstufen definiert. Geht das System also unausweichlich in diese Richtung?

Kremer: Auch wenn Kompetenzstufen keine Ausbildungsbausteine sind, sondern Kompetenzniveaus unabhängig von den Ausbildungswegen definieren, begünstigen Qualifikationsrahmen durchaus solche Entwicklungen. Natürlich, das ist ein Projekt, das noch Jahre dauern wird. Es wird einen europäischen Qualifikationsrahmen geben und darauf bezogene nationale Qualifikationsrahmen.

mm: Das Berufsbildungssystem ist ja für seine enorme Trägheit bekannt. Wie lange wird es dauern, bis die Modularisierung tatsächlich in Kraft ist?

Kremer: Die Diskussion ist ja gerade erst in Gang gekommen, und entscheiden muss natürlich am Ende die Politik, also die Bundesregierung. Dies sollte im Konsens geschehen. Die Sozialpartner müssen mit ins Boot geholt werden. Das halte ich für außerordentlich wichtig. Aber das Konsensprinzip darf natürlich nicht zum Blockadeprinzip werden. Irgendwann muss der Staat sagen, hier ist jetzt die Diskussion zu Ende. Also, ich würde mir wünschen, dass die Grundentscheidungen möglichst zügig getroffen werden. Aber vor der Mitte des nächsten Jahrzehnts mit dem Abschluss eines solchen Projektes zu rechnen, wäre wohl unrealistisch.

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