Von Henrik Müller
mm: Herr Kremer, die Zahl der Lehrstellen sinkt seit Anfang der 90er Jahre immer weiter. Stirbt das deutsche duale Ausbildungssystem aus?
Kremer: Das sehe ich nicht. Immer noch werden Jahr für Jahr mehr als 500.000 neue Ausbildungsverträge geschlossen. Die duale Lehre in Betrieb und Berufsschule ist immer noch der wichtigste Ausbildungsweg in Deutschland.
mm: Mit wie vielen Lehrstellen rechnen Sie denn für das jetzt beginnende Ausbildungsjahr?
Kremer: Nach unserer vorläufigen internen Prognose wird das Angebot an Lehrstellen etwas steigen. Wir rechnen momentan mit einem Plus von 10.000 gegenüber 2005. Das wären insgesamt 573.000 Ausbildungsplätze. Eine Folge der günstigeren konjunkturellen Entwicklung.
mm: Die Lehrstellenlücke bleibt also weiter bestehen. Schließlich kommen dieses Jahr 950.000 Schulabgänger auf den Markt.
Kremer: Die wollen aber nicht alle eine Lehre machen. Wir kalkulieren mit 593.000 Nachfragern und mit einer Lücke etwa in der Höhe des Vorjahres, als es am 1. September 40.500 Unvermittelte gab.
Lesen Sie den Artikel im manager magazin, Heft 09/2006 ab S.98.
InhaltKremer: Soweit würde ich nicht gehen. Aber ich sehe sehr wohl, dass das System einer grundlegenden Überholung bedarf.
mm: Wie soll die aussehen?
Kremer: Wenn nicht genügend betriebliche Ausbildungsplätze angeboten werden, brauchen wir für einen Teil der Nachfrager - gegenwärtig sind das sicher mehr als 20 Prozent oder mehr als 100.000 - vernünftige Alternativen zur betrieblichen Ausbildung. Wir sollten Möglichkeiten schaffen, eine Ausbildung auch bausteinartig aufzubauen. Dann könnten neben der, in der Regel zwei- bis dreijährigen Vollausbildung im Betrieb, Alternativen angeboten werden, die in aufeinander aufbauenden Modulen zum Ziel führen. Solche Ausbildungsbausteine könnten in Zusammenarbeit mit Praktikumsbetrieben zum Beispiel von Berufsfachschulen angeboten werden, aber auch von Betrieben, die eine Vollausbildung nicht schultern können oder wollen.
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