20.07.2006
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Auswanderer-Blog

"Es zerreißt mich innerlich"

5. Teil: Weitere Leser-Beiträge

Benutzername: jupp

Beitrag: Es ist einfach reizvoll ein neues Leben in einer anderen Umgebung zu beginnen, sei es aus beruflichen oder persönlichen Gründen. Warum sollte man sich dafür rechtfertigen? In vielen Beiträgen lese ich von der "schlechten, unerträglich negativen Stimmung", die Deutsche zum Verlassen ihres Landes bewegen. Käse! Ich kann schon nachvollziehen wenn ein Arzt, Ingenieur oder Wissenschaftler sein Glück im Ausland sucht, wo ihn oft bessere Berufsbedingungen ein angenehmeres Leben versprechen.

Deutschland ist ein klasse Land, aber woanders ist es auch schön. Ich lebe seit kurzem in der Schweiz. Hier gefällt es mir sehr gut, aber wer weiss, wo ich in ein paar Jahren lebe, warum nicht wieder in Deutschland?


Benutzername: Euregionale

Beitrag: Die letzten vier Jahre habe ich in den Niederlanden gearbeitet und (natürlich) auch dort meine Steuern und Abgaben bezahlt. Zu meiner Anstellung dort kam es hauptsächlich deshalb, weil der deutsche Arbeitsmarkt mir (abgeschlossene Ausbildung + Studium, gute Noten) keine auch nur ansatzweise adäquaten Angebote machen konnte. Und auch wenn in den Niederlanden auch nicht alles perfekt ist, so ist vieles doch besser, und vor allem einfacher und durchschaubarer geregelt. Seit Anfang 2006 zahlt jeder gleichmäßig in die Bügerversicherung ein, es gibt nur drei Steuerstufen und für meine Steuererklärung habe ich nie länger als eine halbe Stunde gebraucht.

Mal stelle sich das als deutscher Steuerbeamter einmal vor: Die wollen da gar keine Belege sehen! Als ich deshalb mal (verwundert) nachgefragt habe, lautete die Antwort, man würde natürlich den Antrag prüfen und wenn dort etwas merkwürdig erschiene ggfl. auch Belege nachfordern, aber das völlig überflüssige Prüfen von zehntausenden von Kleinbelegen würde deutlich mehr kosten, als ein paar evtl. zuviel zurückgezahlte Steuern. Sowas nennt man sinnvollen Pragmatismus.

Inzwischen bin ich (leider) wieder in Deutschland angestellt, suche derzeit aber weiter nach einer Möglichkeit, wieder ins Ausland zu kommen (NL oder UK). Da hier auch von Irland schon viel die Rede war, dazu ein kleiner Einwurf aus meiner Sicht, der zeigt das auch in Deutschland nicht alles schlecht(er) ist: Ich hatte vor einem Monat ein Arbeitangebot aus Dublin für eine sehr interessante Stelle. Das Netto-Gehalt hätte sich (wg. der niedrigen irischen Steuern) auf einem ähnlichen Niveau bewegt, wie mein derzeitiges in Deutschland. Letzendlich habe das Angebot aber abgelehnt. Grund: Die Lebenshaltungskosten, insbesondere die Mieten sind in Dublin so hoch (ca 1200 Euro für eine 2 Zi Wohnung), dass von meinen Gehalt kaum etwas zum Leben übrig geblieben wäre. Auf die Frage hin, wie die Leute vor Ort das regeln, stellte sich heraus, dass die meisten in WGs oder Wohnheimen wohnen...

Die Zeiten habe ich allerdings spätestens mit dem Studium hinter mir gelassen, und das ist auch gut so!


Benutzername: Dominik

Beitrag: Mit Grüssen aus London möchte ich alle zuhause ermutigen auch etwas mehr Freiheit zu wagen. Ihr glaubt gar nicht wie erfrischend und motivierend sich eine Gesellschaft mit weniger Staatsgläubigkeit auf die eigene persönliche Entwicklung auswirkt. Mir jedenfalls hat es sehr geholfen ! Eigenverantwortung macht tatsächlich glücklich !

Nach der vorletzten Bundestagswahl habe ich einen sehr interessanten Kommentar in der FAZ gelesen, der mir aus der Seele gesprochen hat. Wir werden es nie erleben, dass die Bürgerlichen in Deutschland für ihre Rechte und Werte auf die Strasse gehen. Sie werden an jeder Wahl teilnehmen bis sie die Gelduld verlieren und auswandern. Das ist die Antwort.

Ich bin übrigens keineswegs verbittert, eher ein unerschütterlicher Patriot. Ich glaube an Deutschland, gehe auch als Auslandsdeutscher zu jeder Wahl und freue mich auf eine Rückkehr in ein Land, das seine freiheitlichen Grundwerte wieder etwas hochlebt.

Zu allerletzt noch ein Tipp: Glaubt nur einem Politiker, der von seiner Macht, nämlich dem Einfluss des Staates freiwillig etwas abgeben möchte !


Benutzername: Expat Sina

Beitrag: Schön, dass Sie sich diesem Themenkomplex widmen! Vielleicht sickert er so auch ganz langsam einmal in die Wahrnehmungssphäre derjenigen, die seit einem guten Vierteljahrhundert massiv die Ursachen für eine "Fahnenflucht" zementieren. Obwohl in den anderen Beiträgen des Weblog eigentlich schon alles gesagt wurde, was auch mir auf dem Herzen liegt, doch auch mein Kommentar. Auch wir haben vor 8 Jahren "davongemacht", haben allerdings noch ein schönes (Eltern-)Haus in Bayern, weshalb wir mindestens einmal im Jahr für ein paar Tage heimkehren - jawohl, heim!

Als promovierte Akademiker haben mein Mann und ich erst ein paar Jahre auf die typische Tour - befristete Stellen an verschiedenen in- und ausländischen Orten, dadurch permanent Wochenendehe, hoher Frust und hohe Kosten - ein qualifiziertes Fortkommen versucht, dann sind wir in die Industrie gewechselt. Ein Grund hierfür war neben Unsicherheit in der Karriereplanung und dem mageren Einkommen, dass sich in der deutschen Hochschullandschaft (zumindest in unseren Fachrichtungen) inzwischen mafiöse Strukturen aus ziemlich un-exzellenten Lehrstuhlinhabern herausgebildet hatten, die im industriellen Boom der 80-ger und frühen 90-ger, der fast alles aufsog, was seinen Namen buchstabieren konnte, als ungeeignet in den Forschungsstätten zurückgelassen worden waren. Diese Herren (jaja!) blockieren nun, unterstützt von der Förderpolitik des Bundes und der Länder und gesichert durch ihre unbefristete Anstellung, jedweden Nachwuchs, der ihnen irgendwann einmal "gefährlich" werden könnte. Was also bleibt der so genannten Intelligenz anderes als auszuweichen?

Während mein Mann in der Industrie schnell eine adäquate Anstellung als wissenschaftlich-strategischer Vorstandsassistent fand, durfte ich mir mit meinen damals 29 Jahren unaufhörlich anhören, ich sei überqualifiziert (Doppelstudium und Promo), nicht bezahlbar, ein zu hohes "Investitions"-Risiko (da Frau im gebärfähigen Alter!), und durch meine akademische Laufbahn für das Wirtschaftleben eh verdorben. Schliesslich bekam ich eine Stelle als Projektleiterin in einem Automobilkonzern an der Donau, die, wie sich nachträglich herausstellte, etwas schlechter dotiert war als die eines gleichaltrigen Technikers in meinem Team - Gleichberechtigung auf Deutsch? Nach einem Jahr Stress, hohen Abgaben und noch weniger Privatleben als zuvor haben wir uns die Karten neu gelegt, in Santa Barbara und LA kurz an der UC gearbeitet, Kontakte geknüpft, und uns selbstständig gemacht. Ein paar Jahre später sind wir über die Zwischenstation Singapore nach Shanghai und Hongkong expandiert.

Viel unterwegs, treffen wir immer mehr junge wie alte high-potentials aus D, die auswandern, weil sie wie wir keine Lust mehr haben, ihre Arbeitskraft einem Land zur Verfügung zu stellen, in dem das Niveau auf allen Ebenen, insbesondere aber der Bildung, immer weiter nach unten geregelt wird - Abitur in 12 Jahren? Studium in 3-4 Jahren? Promotion in 2 Jahren? Sie haben wie wir keine Lust mehr, einem Land den Großteil des hart erarbeiteten Geldes in den Rachen zu werfen, das von verantwortungslosen, egozentrierten unqualifizierten Dummschwätzern seit Jahrzehnten finanziell und kulturell bankrott regiert wird. Sie haben keine Lust mehr, sich das Geld für eine Rentenversicherung zwangsweise abnehmen zu lassen, die mit absoluter (und mathematisch vorhersagbarer) Sicherheit weniger zurückzahlen (können) wird, als sie einzahlen - im zivilen Leben wäre das nicht nur Betrug, sondern Diebstahl. Sie haben keine Lust, mit ihrem Geld ein Solidar- und Krankensystem aufrecht zu erhalten, das einen verantwortungsbewußten gesunden Lebensstil bestraft, jedoch arbeitsscheuen Mitbürgern und integrationsresistenten Neudeutschen Haus, Limousine und die zum Totschlagen der Zeit dringend benötigte neueste IuK-Ausstattung einschliesslich aller sonstigen Konsumgüter zur Verfügung stellt. Und sie haben keine Lust, in Konzernen zu arbeiten, deren Manager realitätsferne Entscheidungen zum Schaden der Arbeitnehmer und Gesellschaft treffen, nur weil sie kurzfristigen Sharehoder-Interessen dienen könnten; die für ihre nachhaltigen Fehlentscheidungen mit Millionenabfindungen und Top-Stellenangeboten "bestraft" werden, anstatt wie jeder kleine Handwerker in diesem Fall in den Strafvollzug zu wandern.

Deutschland entziehen sich zunehmend selbst die Basis - vom Land der Dichter und Denker zum Pool der hoffnungslosen Wirtschaftsflüchtlinge und unqualifizierten Dumpfköpfe. Was Deutschland zur Genesung bräuchte, wären seine Expatriaten - in führenden Positionen in Staat und Wirtschaft.


Benutzername: Mr. Kunst

Beitrag: hallo, interessant.. wenn man die Beitraege so liest moechte man meinen in welch schlechten Land wir doch leben, alles wird schlechtgeredet, gute Dinge in Deutschland werden komplett vernachlaessigt und es wird sich kollektiv nur ueber die Mangel/Fehler und Miseren im Land aufgeregt. Was mich dabei wundert ist, dass selbst im Ausland lebende sich von der kollektiven Miesmacherei anstecken lassen.

Ich fuer meinen Teil bin kurz nach dem Studium nach Irland gegangen, weil es mich reizt im Ausland zu arbeiten. Der Blick auf Deutschland hat sich waehrend meiner Zeit hier sehr zum Positiven gewandelt, man bekommt den Blick fuer die guten Seiten, welche im Uebermass vorhanden sind. Meiner Meinung nach kann sich das deutsche Volk -trotz aller Schwaechen- gluecklich schaetzen in einem solch tollen Land zu leben. Man muss nur einmal nach den guten Seiten Ausschau halten. Gluecklicherweise hat sich die Grundstimmung waehrend der WM grundlegend geaendert und man kann die Entwicklung eines gesunden Patriotismus beobachten, was uns aus geschichtlichen Gruenden lange Zeit gefehlt hat.

In diesem Sinne auf eine gute Zukunft, auf das die Miesmacher auswandern! Ich freue mich darauf in Zukunft Steuern in meinem Land zu zahlen.


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