Von Henrik Müller
mm.de: Wie ließe sich der große Crash verhindern? Kann die Politik gegensteuern?
Eichengreen: Sicher. Vor allem die USA und China müssen ihre fundamentalen ökonomischen Probleme lösen. China muss sich weniger abhängig von Exporten machen. Auf Dauer ist ein derart stark von Exporten getriebenes Wachstum nicht gesund. Es macht die Wirtschaft auch für außenwirtschaftliche Störungen anfällig. Die USA wiederum müssen vor allem in der Finanzpolitik auf einen nachhaltigen Kurs zurückfinden. Die großen Budgetprobleme werden immer noch nicht ernst genommen.
mm.de: Glauben Sie, der neue Finanzminister Hank Paulson, bis vor kurzem Chef der Investmentbank Goldman Sachs, wird daran etwas ändern können?
Eichengreen: Was ich bisher von ihm gehört habe, deutet jedenfalls nicht darauf hin. Als Erstes hat er versprochen: keine Steuererhöhungen. Schon das Wort Steuererhöhungen ist ja in den USA verboten - wir sprechen von "Einnahmeverbesserungen".
Also, ohne Einnahmeverbesserungen wird das US-Budget nicht bis 2009 halbiert werden können, wie es die Regierung angekündigt hat. Steuererhöhungen sind unumgänglich. Der jetzige Kurs ist unglaubwürdig. Das ist das fundamentale ökonomische Problem Amerikas.
mm.de: Und die Bürger müssen mehr sparen. Die Sparquote liegt bei 0 Prozent - auch kein nachhaltiges Verhalten.
Eichengreen: Tja, einerseits war das natürlich in den vergangenen Jahren hilfreich. Amerika ist weiter robust gewachsen, weil die Bürger auf Pump lebten - also ihre zukünftigen Einkommen verkonsumierten. Andererseits ist diese Entwicklung ungesund. Daran waren auch die über Jahre zu niedrigen Zinsen Schuld. Nun normalisieren sich die Zinsen, und die Konsumenten werden darauf reagieren. Vielleicht sehen wir gerade den Beginn dieser Rückkehr der Ersparnis.
mm.de: Wenn sowohl die öffentlichen als auch die privaten Haushalte mehr sparen müssen, heißt das: Die USA als ultimativer Nachfrager der Weltwirtschaft fallen auf Jahre aus?
Eichengreen: Das ist wohl unausweichlich. Es kann zu einer globalen Wachstumsabschwächung oder sogar zu einer Rezession kommen - es sei denn, andere Nachfrager springen in die Bresche.
Und da gibt es ja durchaus einige positive Anzeichen: In Deutschland steigen die Investitionen endlich wieder an. Das ist doch ganz viel versprechend. Aber es ist ganz klar: Die USA müssen weniger ausgeben, andere, vor allem die Europäer, müssen mehr ausgeben. Desto leichter wird die Welt die derzeitigen Ungleichgewichte neu ausbalancieren können.
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