Von Henrik Müller
(...) Ökonomen blenden die kollektiven Aspekte des Wirtschaftens gern aus und betonen den freien Willen des Individuums, das auf (finanzielle) Anreize reagiert und sich spontan mit anderen Individuen zu vielfältigen "Transaktionen" auf (am besten atomisierten, anonymen) "Märkten" trifft.
Henrik Müller, Redakteur bei manager magazin, schreibt über wirtschaftspolitische Themen. manager-magazin.de präsentiert in der Serie "Das deutsche Drama" exklusiv Auszüge aus seinem soeben erschienenen Buch "Wirtschaftsfaktor Patriotismus. Vaterlandsliebe in Zeiten der Globalisierung".
Diese Sichtweise, die der liberalen Tradition folgt, ist hilfreich, weil sie die Standardökonomie in die Lage versetzt, eine Menge Phänomene zu erklären. Zum Beispiel: Welche Mengen eines Produktes werden zu welchen Preisen gehandelt? Oder: Wie verändert sich der Weltmarktpreis eines Produktes, wenn Zölle darauf erhoben werden? Oder: Wie hoch muss die Zentralbank den Zins setzen, um ein Ansteigen der Inflation zu verhindern?
Auf solche ökonomischen Standardsituationen findet die Standardökonomie befriedigende Antworten. Dieses System funktioniert am besten, wenn die Menschen nur für sich selbst handeln und niemand anderen durch ihre Entscheidungen beeinflussen. Im Ökonomenjargon ausgedrückt: wenn es keine "externen Effekte" gibt.
Die Standardökonomik betrachtet externe Effekte als Versagen des Marktes. Der Staat muss sie beseitigen, "internalisieren", wie es heißt. Geschieht dies nicht, liefert der Markt unerwünschte Resultate - eine übermäßig belastete Umwelt, einen zu geringen technischen Fortschritt und dergleichen mehr.
Diese Logik ist nicht falsch. In vielen Fällen praktischer Politik kommt sie zu vernünftigen Lösungen. Aber: Sie blendet ein ganzes Universum ökonomischer Beziehungen aus. Wenn man genau hinsieht, ist die ganze Ökonomie voller externer Effekte.
Wo Individuen zusammenleben und arbeitsteilig zusammenwirken, beeinflussen sie sich gegenseitig, ohne dass Marktmechanismen greifen. Es kann ja gar nicht anders sein. Gäbe es keine externen Effekte, würde die Wirtschaft nicht funktionieren.
Gäbe es keine kollektiven Güter (Kultur, Infrastruktur, Landesverteidigung, Rechtssysteme), die von einzelnen ausgebeutet werden können ("Free riding" - "Schwarzfahrer"-Verhalten, im Ökonomen-Jargon), könnte sich nur ein sehr bescheidenes Wohlstandsniveau herausbilden.
Die Fähigkeit, sich gegenseitig zu beeinflussen, zu kooperieren und Kollektivgüter bereitzustellen, scheint gerade in Zeiten einer globalen Wissensökonomie ein zentraler Wettbewerbsvorteil zu sein. (...)
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