05.04.2006
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Das deutsche Drama

Wie wir den Glauben an uns selbst verloren

Von Henrik Müller

3. Teil: Das Kollektive in der Ökonomie

Das Kollektive in der Ökonomie

Ist der deutsche Fatalismus gerechtfertigt? Die Antwort lautet klar und eindeutig: Nein. Sicher, der internationale Wettbewerb ist härter geworden, seit sich Anfang der 90er Jahre bis dahin abgeschottete Volkswirtschaften wie China, Indien und die osteuropäischen Länder öffneten.

Reiche Nachbarn: Ein positives kollektives Selbstbild ist im globalen Wettbewerb ein entscheidender Erfolgsfaktor
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AP

Reiche Nachbarn: Ein positives kollektives Selbstbild ist im globalen Wettbewerb ein entscheidender Erfolgsfaktor

Dennoch - oder gerade deshalb - sind der Wohlstand und die Beschäftigung in vielen reichen westlichen Ländern deutlich gestiegen. Sie haben sich der veränderten Lage angepasst, haben sich in kollektiven Kraftanstrengungen auf die neuen Bedingungen eingestellt.

Großbritannien, Österreich, Irland, Frankreich - viele westeuropäische Nachbarländer sind inzwischen reicher als die Bundesrepublik. Sie haben ein größeres Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, und die Wohlstandslücke gegenüber Deutschland wird immer breiter. Aber die Bundesrepublik, das einstige Wirtschaftswunderland, verharrt - verängstigt, erstarrt, weinerlich, auf sich selbst bezogen.

Warum fehlt den Bundesbürgern der Mut? Warum waren sie zu jenem kollektiven "Ruck" nicht fähig, den der damalige Bundespräsident Roman Herzog 1997 in seiner berühmten Adlon-Rede von ihnen verlangte?

Meine Antwort lautet: Weil Patriotismus im globalen Wettbewerb ein entscheidender Erfolgsfaktor ist. Und weil es den Bundesbürgern eben daran mangelt - an einem positiven kollektiven Selbstbild.

Der eingangs zitierte Leserbriefschreiber hatte schon Recht: "Kein Mensch lebt für sich allein." Niemand arbeitet für sich allein. Persönlicher Erfolg und individueller Wohlstand hängen zum ganz überwiegenden Teil vom Wohlstand und Erfolg der gesamten Gesellschaft ab. Nur eine verschwindend kleine, wenn auch wachsende Gruppe von Menschen ist so mobil, dass sich ihr Preis auf einem internationalen Arbeitsmarkt bestimmt, losgelöst vom Schicksal eines Landes.

Der große Rest ist an den Standort gefesselt, ans Kollektiv ihrer Nation, wenn man so will. Sie können miteinander aufbrechen. Oder miteinander den Niedergang durchleben. Aber sie werden es auf jeden Fall gemeinsam tun. Ihre Schicksale sind verbunden. Die einen - die glücklichen Begüterten, Gutausgebildeten, Gesunden - mögen sich ein bisschen leichter von der Gesamtentwicklung abkoppeln können als die weniger Glücklichen mit schlechterer Ausgangssituation. Aber letztlich werden sich nur die wenigsten der Gesamtentwicklung entziehen können.

Eine Gesellschaft, der diese Zusammenhänge nicht mehr bewusst sind, hat ein Problem - ökonomisch, aber auch mental.

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