Von Andreas Nölting
mm.de: Das wäre dann eine Ohrfeige gegenüber der Politik und den Bedingungen des Standorts Deutschland.
Adams: Es ist zumindest eine erfreuliche Verbesserung des Schutzes der Bürger und ihrer Gesellschaften, da man sich die Vorteile der europäischen Einigung auch bei der Gestaltung der Rechtsform zu Nutze machen kann. Das ist ein Prozess, den ich durchaus begrüße. Denn der Staat kann neben den Wahlen auch bei Reformunfähigkeit und unzureichenden Leistungen unter Druck gesetzt werden, wenn der Bereich der hiesigen Gesetzgebung und Verwaltung verlassen werden kann. So wird der Staat indirekt gezwungen, das zu tun, was Bürger und Unternehmen von ihm verlangen. Deshalb ist diese Art von Wettbewerb, der nun von der Allianz genutzt wird, durchaus positiv zu sehen.
mm.de: Was bedeutet eine Sitzverlagerung für den deutschen Fiskus?
Adams: Im Ergebnis fallen wichtige Steuerzahler weg. Es ist für ein Land, das Gesellschaftssitze verliert und keine neuen mehr hinzugewinnt, ein Weg in den Niedergang. Denn in einer Holding fallen die gesamten Konzerngewinne an, und die werden dort besteuert, wo der Konzern seinen Hauptsitz hat. Und das bedeutet Steuerausfälle für den deutschen Staat, aber auch ganz erhebliche Verluste durch den Wegfall von Steuern auf die durchaus gut verdienenden Vorstände und Berater.
mm.de: Ist die Entscheidung der Allianz auch eine Entscheidung gegen die paritätische Mitbestimmung in Deutschland?
Adams: Ja, aber die Flucht aus diesem System geht über Ecken. Die Regelung, die nach langen Blockaden durch die Gewerkschaften von der deutschen Politik schließlich umgesetzt worden ist, sieht vor, dass die deutsche Mitbestimmung auch dann noch gilt, wenn das Unternehmen das Land verlässt, solange der Konzern mindestens 25 Prozent deutsche Arbeitnehmer beschäftigt.
Die paritätische Mitbestimmung geht also als Auffanglösung mit ins Ausland. Zwar kann der Konzern mit den Gewerkschaften über das Mitbestimmungsmodell verhandeln. Kommt es aber zu keiner Lösung, bleibt die paritätische Mitbestimmung erhalten.
mm.de: Die Allianz kann künftig zwischen einem einstufigen und einem zweistufigen Boardsystem wählen. Wie wird sie sich Ihrer Meinung nach entscheiden?
Adams: Solange die Mitbestimmung für deutsche SE's gilt, wird sich die Allianz niemals ein einstufiges Führungssystem geben. Denn das würde bedeuten, dass Gewerkschaftsfunktionäre mehr als bisher in das operative Geschäft eingreifen könnten. Zudem würde ihre Anzahl beim Boardmodell noch steigen.
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