Von Arne Stuhr
mm.de: Also lebt man nicht nur in Wolfsburg, sondern in ganz Deutschland über die Verhältnisse.
Becker: So kann man es ausdrücken. VW ist so gesehen ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Aber zum Glück gibt es auch positive Beispiele.
mm.de: Das klingt dennoch alles ziemlich düster. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" hat ihr Buch sogar vor allem "Tapferen und Masochisten" ans Herz gelegt, "die sich am Niedergang des Standortes Deutschland ergötzen". Wo steht der Automobilstandort Deutschland in zehn Jahren?
Becker: Ich muss korrigieren: Nicht düster, sondern realistisch. Düster nur für Menschen, die auf der Insel der Saumseligen leben und partout nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass ringsum das Wasser abgelassen wird.
Nun zu Ihrer Frage: Wenn nichts Nachhaltiges auf der Kostenseite passiert, werden in Deutschland bis dahin vermutlich die ersten Automobilwerke geschlossen werden. Ich möchte mich hier nicht auf Spekulationen festlegen, aber die heißesten Kandidaten in meiner Rechnung sind diejenigen mit den größten Überkapazitäten, so VW und Opel. Die Standortsicherungsverträge laufen ja bei allen Herstellern - sogar bei Porsche - nur bis etwa 2010/2011.
Hinzu kommen alle diejenigen Zulieferer mit relativ einfachen Arbeitsinhalten in den Produkten, die also weder Innovations- noch Kostenführer sind. Sie werden alle in Billiglohnländer abwandern müssen, das wird ihnen von den deutschen Herstellern inzwischen sogar schon vorgeschrieben.
Die Hochtechnologie hingegen wird vorerst in Deutschland bleiben, zumindest so lange das hiesige Netz aus Wissenschaft und Anwendung weiterhin so gut funktioniert und Innovationen hervorbringt. Für die Kombination aus High-Tech und High-Cost gibt es auch in Zukunft einen Markt. Allerdings sollte der deutschen Öffentlichkeit nicht vorenthalten werden, dass China inzwischen mit 360.000 Hochschulabgängern etwa zehnmal so viele Ingenieure jährlich "produziert" wie die deutschen Hochschulen.
mm.de: Ihr Resümee?
Becker: Wir werden am Automobilstandort Deutschland nach heutigem Erkenntnisstand auf den qualitativ hochwertigen Teil schrumpfen. Der verbleibende Rest wird damit sogar relativ wettbewerbsfähiger werden. Das Problem ist nur: Wir verlieren in der Breite weiter an Beschäftigung. Daher nochmals und mit allem Nachdruck: "Es muss etwas geschehen, damit nichts passiert!"
mm.de: Zum Schluss. Im Herbst findet in Frankfurt wie alle zwei Jahre die IAA statt. Wird die Volkswagen-Affäre ihren Schatten auf die weltgrößte Automobilmesse werfen?
Becker: Nein, die IAA ist das Fest der Welt-Autoindustrie schlechthin, an dem inzwischen sogar chinesische Hersteller teilnehmen. Die IAA ist bekanntlich eine Leistungsschau, auf der jeder Hersteller zeigen kann, was er kann. Und dabei brauchen sich deutsche Hersteller unisono mit Sicherheit nicht zu verstecken, denn technisch, qualitativ und stilistisch sind wir weiterhin Weltspitze. Das gilt ohne Einschränkung auch für VW, man muss nur einmal einen Phaeton "erfahren" haben, dann weiß man, was ich meine. Unsere Automobilindustrie hat nur einen Makel: Sie produziert im internationalen Vergleich zu teuer. Und das hält sie in den nächsten zehn Jahren so nicht durch.
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