Donnerstag, 9. Februar 2012, 01:18 Uhr

manager magazin



22.07.2005
 

Autoindustrie

"VW ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft"

Von Arne Stuhr

5. Teil: "Auf Ertrag gemästet und geschlachtet"

mm.de: Welche Rolle spielt dabei die Angst vor den "Heuschrecken"?

Becker: Sicherlich eine große. Viele Beispiele zeigen ja auch, dass Unternehmen, die auf Private-Equity-Finanzierungen gesetzt haben, zum Spielball der Finanzinvestoren geworden sind. Nicht das langfristige Wohl der Betriebe steht im Mittelpunkt, sondern die Renditegier der Investoren, die nach fünf bis sechs Jahren befriedigt sein will.

mm.de: Beispiel Beru.

Becker: Zu Einzelfällen möchte ich mich nicht äußern. Die Medien berichten ja inzwischen fast täglich von solchen Übernahmen alter deutscher Markenunternehmen, die dann "auf Ertrag gemästet und geschlachtet" werden.

"Auto-Kanzler" Gerhard Schröder: "Ein Politiker hat immer zwei Optionen - entweder er konzentriert sich auf das Wohl des Volkes (Amtseid) oder er konzentriert sich auf seine Beliebtheit beim Volk (Wiederwahl)"
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AP

"Auto-Kanzler" Gerhard Schröder: "Ein Politiker hat immer zwei Optionen - entweder er konzentriert sich auf das Wohl des Volkes (Amtseid) oder er konzentriert sich auf seine Beliebtheit beim Volk (Wiederwahl)"

mm.de: Wer ist in dieser Situation gefragt?

Becker: Eigentlich die Gesellschaft als Ganzes, die erkennen muss, dass sie schleichend durch ausländische Kapitalanleger um ihr Volksvermögen gebracht wird. Aber wie aktiviert man eine Gesellschaft? Ich weiß es nicht.

Danach wäre unser eigener Finanzsektor - Banken und Versicherungen - gefragt. Die großen Industriebeteiligungen, die wir unserer Finanzindustrie gerade ausgeprügelt haben, hatten zumindest den Vorteil, dass die Unternehmensführungen in den Kapitalgesellschaften durch die Aufsichtsgremien solide kontrolliert wurden. Weil der Finanzsektor eben als Miteigentümer ein Eigeninteressen an einer gediegenen strategischen Unternehmensführung hatte. Das scheint inzwischen vorbei. Nun ist das Feld für Finanzinvestoren ohne strategisches Interesse frei, mit oftmals allen negativen Konsequenzen, wenn nur noch verwertet wird.

mm.de: Der "Auto-Kanzler" Gerhard Schröder wird zumindest wohl ab Herbst dieses Jahres nicht mehr helfen können.

Becker: Nur weil der Kanzler der "Auto-Kanzler" war, muss er keine schlechte Politik gemacht haben. Ein Politiker hat immer zwei Optionen: Entweder er konzentriert sich auf das Wohl des Volkes (Amtseid) oder er konzentriert sich auf seine Beliebtheit beim Volk (Wiederwahl).

In der Regel neigen Politiker dazu, dem Volk zu gefallen. Wird dann aber, wie jetzt vom Kanzler geschehen, eine Politik eingeleitet, die zwar unabdingbar ist, die aber das Volk offensichtlich nicht will, dann muckt das Volk auf. Opfer sind nicht gefragt. Ein wahres Dilemma!

Dabei ist nach einhelliger Expertenmeinung unser Staat - gelinde gesagt - Pleite. Die jetzt von der Union für den Fall einer Regierungsübernahme angekündigte Mehrwertsteuererhöhung ist nicht mehr als eine ökonomische Notbremsung und letztlich unvermeidbar, weil alles andere mehr Zeit braucht, bis es greift. Doch schon geht das Geschrei los und das Volk stellt fest, dass es das so eigentlich auch nicht gemeint hat. Mit dieser Einstellung wird man in Deutschland den Karren aber nicht aus dem Dreck ziehen.

Insofern ist der Fall VW für die gesamte deutsche Volkswirtschaft eigentlich ein Hoffnungsträger. Wenn es hier gelingt, mit energischer Hand die "Stube zu kehren", und die notwendigen Schritte und Schnitte zum Kostenabbau zu tun, wäre das ein Aufbruchsignal für die gesamte Wirtschaft. Insofern geht das, was bei VW geschieht, weit über rein innerbetriebliche Vorgänge hinaus.

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