Donnerstag, 9. Februar 2012, 01:17 Uhr

manager magazin



22.07.2005
 

Autoindustrie

"VW ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft"

Von Arne Stuhr

2. Teil: "Es wird nicht für alle reichen"

mm.de: Es gibt also eine Zwickmühle aus Marktsättigung bei gleichzeitigem Verdrängungswettbewerb. Wie sieht der Ausweg aus?

Becker: Der Markt muss bereinigt werden. Allerdings sind wir noch nicht so weit, weil alle Hersteller davon ausgehen, dass sie eine Marktchance haben. Rein einzelwirtschaftlich betrachtet, muss jedes Unternehmen auch so vorgehen. Nur, makroökonomisch betrachtet wird es für alle nicht reichen. Das Ende von Rover zeigt übrigens, dass der Markträumungsprozess weiter läuft, auch wenn plötzlich Käufer auftauchen, die die Marke weiterführen wollen. Entweder ist das eine chinesische Variante der Plattform-Strategie - Rover als Plattform zur Vermarktung chinesischer Automobile in Europa - oder eine clevere Idee der Investoren, ähnlich wie schon die Vorgänger irgendwoher Subventionsmittel zu erhalten, nur diesmal nicht von BMW. Ernsthaft kann heute niemand darüber nachdenken, Rover als Automobilunternehmen neu zu beleben. Wie sollte das auch geschehen, wo Experten doch schon meinen, den nächsten Kandidaten für die Markträumung bereits im Süden Europas ausgemacht zu haben.

Helmut Becker: "Auf Crashkurs - Automobilindustrie im globalen Verdrängungswettbewerb"; Springer 2005, 280 Seiten, 69,95 Euro.

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mm.de: Sie reden von Fiat.

Becker: Auch dort gibt es Manager, die für ihre Marken Modellfeuerwerke zünden wollen. Wie gesagt, jeder Hersteller tut das, in der Hoffnung, zusätzliche Nachfrage auf sich zu ziehen. Es wird jedoch sehr schwierig, da der Markt eben nicht oder kaum noch wächst und bei gesättigten Märkten eigenes Wachstum nur über Marktanteilsgewinne erreicht werden kann. Das Ganze ist nämlich ein Nullsummenspiel, ein Hersteller kann immer nur zu Lasten eines anderen wachsen. Und dummerweise wehrt sich der natürlich, aus dem Markt gedrängt zu werden. Und genau das macht den Verdrängungswettbewerb so teuer, und zwar für alle.

mm.de: Ein weiterer wichtiger Grund für die Probleme der hiesigen Produzenten sind die Arbeitskosten am Standort Deutschland. Waren VW & Co. zu lange Patrioten?

Becker: Nein, eigentlich das Gegenteil. Denn es hat ja keinen Zweck, Beschäftigung, die wettbewerbsmäßig nicht zu halten ist, mit Zähnen und Klauen zu verteidigen wie es der Personalbereich bei VW in trauter Eintracht mit dem Betriebsrat getan hat. Denken Sie an die Weber vor 200 Jahren. Die erste Generation der mechanischen Webstühle konnten sie noch kaputt schlagen, die zweite schon nicht mehr - hat es was genutzt? Es ist eine alte volkswirtschaftliche Weisheit: Gegen Strukturwandel ist kein Kraut gewachsen, man kann ihn abfedern, aber nicht zum Stillstand bringen. Auch hier gilt: Angriff ist die beste Verteidigung. Man muss sich dem Strukturwandel offensiv stellen anstatt passiv immer nur die Folgen auszubügeln.

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