Mittwoch, 8. Februar 2012, 17:44 Uhr

manager magazin



22.07.2005
 

Autoindustrie

"VW ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft"

Von Arne Stuhr

Korruptionsaffären und Absatzprobleme erschüttern Volkswagen, Daimler & Co. Im Gespräch mit manager-magazin.de sagt der ehemalige BMW-Chefvolkswirt Helmut Becker, wo der Automobilstandort Deutschland in zehn Jahren steht, und was wir von den Preußen Japans lernen können.

mm.de:

Herr Becker, Ihr aktuelles Buch über den globalen Verdrängungswettbewerb der Autoindustrie trägt den Titel "Auf Crashkurs". Volkswagen Chart zeigen erweckt derzeit eher den Eindruck, schon einen Totalschaden erlitten zu haben. Kann die Reparatur gelingen?

  Helmut Becker  ist Gründer und Leiter des Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK) in München. Von 1974 bis 1996 stand er in den Diensten von BMW, zuletzt als Chefvolkswirt. Seine berufliche Laufbahn begann der 61-Jährige als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei den "Fünf Weisen".
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Helmut Becker ist Gründer und Leiter des Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK) in München. Von 1974 bis 1996 stand er in den Diensten von BMW, zuletzt als Chefvolkswirt. Seine berufliche Laufbahn begann der 61-Jährige als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei den "Fünf Weisen".

Becker: Die Reparatur kann gelingen, aber nicht zwingend. Man muss da zwischen Konzern und Marke unterscheiden. Im Übrigen sehe ich das Ganze nicht als einen Totalschaden an, sondern als Chance, sich von Strukturen zu befreien, die ohne Reform an Haupt und Gliedern zwangsläufig zum Totalschaden geführt hätten. Ich bin sicher, dass das Management um Markenchef Wolfgang Bernhard diese Chance nutzen wird, um VW zu sanieren.

mm.de: Das dürfte mit einer Menge Arbeit für Herrn Bernhard verbunden sein, schließlich kommt VW auch bei dem von Ihnen erstellten "Überlebensindex" unter den elf großen Herstellern nur auf Rang acht. Warum?

Becker: VW kommt auf Rang acht, weil es - etwas simpel gesprochen - sieben Wettbewerber gibt, die besser sind. Aber im Ernst: Wenn wir GM Chart zeigen und Ford Chart zeigen einmal außen vor lassen, so ist der gefährlichste Konkurrent von VW auf dem Weltmarkt Toyota Chart zeigen, der inzwischen den europäischen Markt fest ins Visier genommen hat. Und da ist nun mal VW der Platzhirsch. Es scheint aber, dass bei VW angekommen ist, dass man als größter europäischer Volumenhersteller von dieser Wettbewerbsverschärfung besonders betroffen sein wird.

Wenn man dann noch die internen Schwächen des Konzerns dazu nimmt, die dieser Tage ans Licht kommen, steht VW zu Recht auf dem Platz, wo das Unternehmen einsortiert wurde. Aber wohlgemerkt: Das ist kein Horoskop, sondern eine Prognose, die den heutigen Zustand in die Zukunft fortschreibt. In Wirklichkeit kann das Bild in ein oder zwei Jahren, wenn Pischetsrieder und Bernhard erfolgreich gewirkt haben, durchaus anders aussehen.

mm.de: Für 2008 hat Markenchef Bernhard ein Modellfeuerwerk angekündigt. Endlich, sagen viele Kritiker. Sie behaupten nun, dass die Atomisierung der Modellpaletten den Ertragsdruck noch steigert. Ein Widerspruch?

Becker: Nein. VW mag zwar zu wenig Modelle haben, der Weltautomobilmarkt mit Sicherheit nicht. Der Ertragsdruck nimmt bei allen Herstellern zu. Die Frage ist nur, wer diesen Ertragsdruck am besten abwettern kann. Einige werden am Ende des Tages sicherlich das Handtuch werfen und den Markt räumen müssen, so dass für die anderen wieder Platz ist. Sehr schmerzhaft ist allerdings die Zeitspanne, in der dieser Anpassungsprozess greift. Richtig ist, dass dieser Ausleseprozess bei allen Herstellern durch die Atomisierung der Modellpaletten und immer rabiatere Rabattschlachten vorgetragen wird. Alle Hersteller feuern unentwegt Modelloffensiven ab. Doch wer soll in gesättigten Märkten und bei eher schrumpfenden Realeinkommen alle diese schönen neuen Autos kaufen? Damit geht es letztlich bei allen Autokonzernen an die Erträge.

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