Von Andreas Nölting
Dieser Tag wird in die Annalen der deutschen Wirtschaftsgeschichte eingehen. Erstmals haben Hedgefonds das etablierte Management eines Dax-Konzerns gestürzt - und wie! Der 9. Mai 2005 markiert somit das endgültige Ende der Deutschland AG, jenem saturierten Netzwerk aus egozentrischen Vorstandschefs und ihren häufig unfähigen, wegschauenden Kontrolleuren.
Werner Seifert, Rolf Breuer: Ende einer Ära
Christopher Hohn vom britischen Hedgefonds TCI hat es geschafft, in kürzester Zeit renommierte Adressen wie Merrill Lynch oder Fidelity hinter sich zu einen und den König zu meucheln, ohne auch nur im Entferntesten Einblick in seine Strategie zu geben. Wird Hohn an der Beteiligung überhaupt dauerhaft festhalten? Welche Pläne hat er für die Deutsche Börse? Wen sähe er lieber an der Spitze von Vorstand und Aufsichtsrat? Großaktionär Hohn blieb darauf bisher noch jede Antwort schuldig.
Genug Anlass für den Angriff
Sicher, mit seiner ruppigen und unnahbaren Art hat es Seifert den Rebellen ziemlich leicht gemacht. Der gescheiterte Übernahmeversuch der Londoner Börse und seine unsagbar arroganten Telefonkonferenzen mit Analysten gaben genug Anlass für den Angriff. Doch wer Vorstandschef und Oberkontrolleur kippt, der sollte zumindest den anderen Aktionären und der Öffentlichkeit schlüssige Alternativen nennen. Schließlich ist die Börse kein Fußballverein.
Vielen deutschen Konzernlenkern, deren Unternehmen am Kapitalmarkt notiert sind, wird der heutige Tag Angst einjagen. Auch ihnen könnte künftig ein ähnliches Schicksal widerfahren. Die Lehre: Wer sich störrisch gegenüber Fondsmanagern und Analysten zeigt, den fegt der kalte Wind des globalen Kapitalmarktes ruck zuck weg.
Übernimmt die LSE bald die Deutsche Börse?
Und was passiert mit der Deutschen Börse? Eine Antwort ist schwierig. Im besten Fall geht es unter neuem Management offener zu als bisher. Der Vorstand sorgt für satte Renditen und Milliardengewinne, die an die Anteilseigner ausgeschüttet werden. Im schlimmsten Fall wird die Deutsche Börse AG nun übernahmereif geschossen. Mehr als 70 Prozent der Anteilseigner stammen schließlich aus dem angelsächsischen Raum.
Womöglich knallen bei der London Stock Exchange (LSE) heute die Korken. Und nicht auszuschließen ist es, dass das LSE-Management schon bald die Übernahme der Deutschen Börse ankündigt. Denn eine Fusion der beiden führenden europäischen Börsen macht durchaus Sinn. Doch dann wird London das Sagen haben und der Finanzplatz Frankfurt rutscht endgültig in die Bedeutungslosigkeit ab.
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