Verdi: Und wo war die Kamera?
CHRISTINE C.: Wir haben ein kleines Loch in der Decke entdeckt, das vorher nicht da war. Dort war die Kamera installiert. Sobald jemand die Pfandkasse bedient hat, ist sie wohl aktiviert worden. Ich weiß es nicht genau und in dem Gespräch mit den drei Lidl-Beauftragten Mitte Januar haben sie mir weder Auskunft gegeben noch das Band gezeigt, auf dem angeblich zu sehen war, wie ich das Geld in meine Schürzentasche steckte. Auch meinem Anwalt wurde das Band später nicht gezeigt, aber der Verkaufsleiter hat irgendwann später erzählt, dass die Aufnahme überhaupt nichts beweist. Man sieht zwar, dass ich kurz in die Tasche lange, aber ob ich nach einem Taschentuch, meinem Telefon oder sonst was greife, ist nicht zu erkennen. Geschweige denn, dass ich Geld einstecke, was ich ja auch nicht getan habe.
Verdi: Wie ging das Kündigungsgespräch weiter?
CHRISTINE C.: Sie haben kein Argument gelten lassen und haben immer lauter auf mich eingeredet, wobei der Verkaufsleiter, der mich gut kannte und zu meinen Gunsten hätte aussagen können, offenbar Sprechverbot hatte und absolut nichts sagen durfte. Ich habe gesagt »Um Gottes Willen, ich habe nichts getan. Ich habe drei Kinder und bin auf die Arbeit angewiesen, warum sollte ich das wegen 12,50 Euro riskieren?" Ich bin dann rausgerannt und habe den Filialleiter geholt und er sagte, er würde beide Hände für mich ins Feuer legen. Sie haben ihn schnell wieder rausgeschickt und zu mir gesagt, es gäbe nur drei Möglichkeiten. Eine fristlose Kündigung, dann würden sie sofort die Polizei rufen. Zweitens einen Aufhebungsvertrag oder drittens eine Eigenkündigung. Der Revisor hat mir nahe gelegt, selbst zu kündigen, weil das für meine Zukunft besser wäre, falls ich noch mal eine Stelle als Verkäuferin haben wollte.
Verdi: Wie haben Sie sich in dieser Situation gefühlt?
CHRISTINE C.: Mir hat alles gerauscht in den Ohren und ich hab gedacht «Oh Gott, mein Haus, meine Kinder. Wenn ich selbst kündige, krieg ich nicht mal Arbeitslosengeld». Ich war so fix und fertig und sie haben mich so eingeschüchtert, dass ich kaum noch wusste, wie ich heiße. Der Revisor diktierte mir dann die Kündigung, weil ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Ich hätte in dieser Situation sogar mein eigenes Todesurteil unterschrieben. Insgesamt habe ich drei Stunden mit denen gesessen und wollte nur noch weg. Ich bin dann irgendwie nach Hause gekommen und daheim zusammengebrochen. Am nächsten Tag war ich beim Anwalt, weil mein Mann darauf bestand.
Verdi: Und wie ist die Sache ausgegangen?
CHRISTINE C.: In der Güteverhandlung vorm Arbeitsgericht ist überhaupt nichts herausgekommen. Sie haben mir dann eine ordentliche Kündigung vorgeschlagen und eine Abfindung von 1.000 Euro, was ich ausgeschlagen habe. Ich wollte ja zurück zu Lidl, weil ich gern dort gearbeitet habe. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn ich in einer anderen Filiale gearbeitet hätte, aber wir waren eine gute Mannschaft. Sie haben dann telefonisch gedroht, dass sie mich jeden Tag in eine andere Filiale schicken würden, falls meine Klage auf Wiedereinstellung durchkommt. Laut Arbeitsvertrag dürfen sie das sogar. Ich wollte nicht aufgeben, aber schließlich haben sie mir die Zahlung von drei Monatsgehältern und 5.100 Euro Abfindung angeboten. Mein Anwalt hat geraten, das anzunehmen, weil ja nicht klar war, was für ein Richter den Vorsitz in der Hauptverhandlung haben würde. Vielleicht hätte er gesagt, dass ich selbst schuld sei, weil ich die Eigenkündigung unterschrieben habe.
Verdi: Haben Sie noch Kontakt zu ihren ehemaligen Kolleginnen und Kollegen?
CHRISTINE C.: Ja, und ich habe ihnen geraten zu ver.di zu gehen, damit ihnen so etwas nicht passieren kann. Sie werden seit Januar mit Testkäufen und Kontrollen getriezt, obwohl wir immer eine Superinventur hatten. Ich finde, dass so etwas an die Öffentlichkeit gehört.
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