Montag, 23. Juli 2018

Die Wirtschaftsglosse Vom Streifenhörnchen zum Nadelstreifen

Streifenhörnchen: Deutsches Abi ist kein Problem

Das Niveau des deutschen Abiturs sinkt? Im Gegenteil, am Ende des Tages werden Gymnasiasten heute besser denn je auf die Anforderungen der Wirtschaft vorbereitet.

Das Freigelassenenforum für angewandte Zeitkritik, besser bekannt als FAZ, berichtet in dieser Woche von einem grausamen Menschenexperiment. Der Bildungsforscher Hans Peter Klein von der Universität Frankfurt ließ eine neunte Klasse an einem Gymnasium eine zentral vom Kultusministerium vorgegebene Abiturklausur für den Leistungskurs Biologie lösen, unter realen Prüfungsbedingungen und mit erschreckendem Ergebnis: Obwohl sie von dem abgefragten Stoff keine Ahnung hatten, bestanden 23 von 27 Schülern die Klausur, einer sogar mit der Note sehr gut.

Die FAZ wäre nicht sie selbst, diente ihr der Ausgang des Experiments nicht zu einem zivilisationskritischen Besinnungsaufsatz, in dem Professor Klein den allgemeinen Verfall des Anforderungsniveaus an deutschen Gymnasien beklagt. Wir beim manager magazin hingegen sehen uns dem aufklärerischen Ideal des unaufhaltsamen Menschheitsfortschritts verpflichtet und meinen deshalb: Wenn 14jährige Buben und Mädchen inzwischen Abituraufgaben für 18jährige bestehen können, dann ist das eine gute Sache. Offenbar wurde endlich die langjährige Forderung von Wirtschaftsverbänden erfüllt, nach der sich die Gymnasialbildung stärker an den Erfordernissen der Unternehmen ausrichten müsse.

Christian Rickens
manager magazin
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Betrachten wir doch noch einmal etwas genauer, was laut Klein in der verwendeten Abituraufgabe abgefragt wurde: "Im Text des Arbeitsmaterials zur ersten Teilaufgabe wird vorgegeben, dass in den Laubwäldern Nordamerikas Streifenhörnchen leben, die sich von Samen und insbesondere von Eicheln ernähren, und dass in den Jahren, in denen besonders viele Eicheln wachsen, die Überlebensrate der Streifenhörnchen im Winter höher ist. Im exakt formulierten Erwartungstext steht: Der Schüler muss angeben, dass die Streifenhörnchen die Eicheln fressen (und nicht umgekehrt) und dass in den Jahren mit besonders vielen Eicheln die Überlebensrate der Streifenhörnchen im Winter höher ist." Kleins Fazit: "Nachvollziehen der im Arbeitsmaterial vorgegebenen Sachinformationen reicht aus, um die geforderten Lösungen zu den Teilaufgaben zu finden. In vielen Fällen wurde ein wortwörtliches Abschreiben von Teilen des Arbeitsmaterials als Lösung akzeptiert."

Bildungsforscher Klein mag wüten, doch die Abiturienten werden es den Kultusbeamten schon noch danken, dass sie so gut auf Schlüsselqualifikationen im Konzernmanagement vorbereitet wurden. Zum Beispiel wenn sie später als Vorstandsassistent eine Vorlage zu schreiben haben, die sich jeglicher eigener Gedanken enthält, dafür aber exakt die Meinung des Chefs wiedergibt. Oder wenn die jungen Menschenkinder bei einer Strategieberatung anheuern und ohne jede Fachkenntnis in ein Sanierungsprojekt geworfen werden.

Dann gilt es bekanntlich binnen weniger Tage eine makellose Powerpoint-Präsentation zu entwerfen, in der man all jene Sparvorschläge zusammenfasst, die man zwischenzeitlich zwischen Kantine, Kopierer und Kaffeeküche aufschnappen konnte. Und wie sollten sich Abiturienten ohne entsprechendes schulisches Training in jenem konzerntypischen Verbrüderungsritual zurechtfinden, das sich jour fixe nennt, und in dem es bekanntlich darum geht, die Aussagen des Vorredners mit minimalen Variationen zu wiederholen. So lange, bis endlich alles gesagt ist, und zwar von allen.

Professor Klein, verlassen Sie Ihren Elfenbeinturm, stellen sie sich der Realität!

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