Sonntag, 24. März 2019

Feierabendglosse Sakrileg!

Lloyd Blankfein, Chef der US-Bank Goldman Sachs, tritt in die propagandistischen Fußstapfen der Missionare des Mittelalters. Das ist zwar eine erprobte Methode. Am Ende des Tages handelt er sich aber damit die gleichen Probleme ein wie die kriselnden Kirchen.

Als der Germanenbischof Wulfila Ende des 4. Jahrhunderts die Bibel ins Gotische übersetzte, als der Kirchenreformer Bonifatius und später die Kleriker Kilian, Kolonat und Totnan aus ihrer angelsächsischen Heimat aufs europäische Festland übersetzten, um die Germanen zum Christentum zu bekehren, da wussten sie wohl nicht, dass sie nebenbei eine best practice entwickeln würden, die noch 1300 Jahre später glühende Nachahmer findet. Denn neben dem üblichen Instrumentenkasten für Missionare - Überzeugen, Überrumpeln, Überbraten - setzten sie auf die Methode des rebranding.

Matthias Kaufmann
Matthias Kaufmann
Die Germanen, schon damals eine schwer zu begeisternde Völkerschar, durften ihre heidnischen Symbole und Bräuche behalten, diese wurden aber christlich umfirmiert. Die erfolgreichsten Beispiele der Methode sind Weihnachten - formerly known as Wintersonnenwende - und nicht zuletzt das Auferstehungsfest Ostern, dessen Name von der germanischen Lichtgöttin Ostra abgeleitet ist. Der Erfolg war über tausend Jahre lang durchschlagend, der return on investment enorm. Da hätte man sich bei der Umtaufe von KarstadtQuelle zu Arcandor mal ein Beispiel nehmen sollen.

Aus dem rebranding ist im 20. Jahrhundert ein eigener Beraterzweig geworden, der den Chemiekonzern Hoechst in Aventis umtaufte und Raider in Twix - geändert hat sich dabei wenig. Ähnlich in der Politik, wo Arbeitsämter nun als Agenturen durchgehen, Schattenhaushalte als Sondervermögen und Steuersenkungen als Haushaltskonsolidierungen. Die postmoderne Etikettierungskunst, sie wäre undenkbar ohne die Vorarbeit der frühchristlichen chief communication officers.

Welch Schachzug also von Lloyd Blankfein, Chef der US-Bank Goldman Sachs und katholischer Umtriebe gänzlich unverdächtig, als er nun in einem Interview mit der "Sunday Times" die Arbeit seiner Bank verteidigte: "Wir dienen einem sozialen Zweck. Ich bin bloß ein Banker, der Gottes Arbeit verrichtet."

Die Wirtschaftsglosse im manager magazin
Jeden Freitag eröffnen Autoren aus der Print- und Onlineredaktion von manager magazin einen anderen Blickwinkel auf das Wirtschaftsgeschehen: Weniger kursrelevant, aber am Ende des Tages umso unterhaltsamer.
Heiliger Bonifaz, was für ein rebranding! Die Religionen, gleich welcher Konfession, gehen im Kapitalismus auf. Die Bank eine Kathedrale, der Börsentag ein Gottesdienst, mit der Börsenglocke eingeläutet. Bald wird das Kirchgründungsfest Pfingsten ersetzt durch den Weltspartag. Und das Heilsversprechen der Schuldenfreiheit am Ende eines jahrzehntelangen Immobiliendarlehens ist schon jetzt genauso überprüfbar wie das ewige Leben. Man muss eben daran glauben.

Folgerichtig ist die Besetzung der Goldman-Spitze ein Akt des Gottesgnadentums, die Boni für das Spitzenpersonal der steuergepäppelten Bank ein wohlfeiles Opfer und Gegenleistung für fortwährende Gewogenheit. Was sollte der Staat da Gott regulierend ins Handwerk pfuschen? Tobin-Steuer statt Klingelbeutel? Sakrileg!

Doch so raffiniert wie naheliegend Lloyd Blankfeins Versuch eines image rebuild auch ist - er wird scheitern. Denn seit Wulfilas Zeiten hat die Bereitschaft des gemeinen Volks, mit dem Übersinnlichen zu paktieren, rapide abgenommen. Bonifaz' Nachfolger können ein Lied davon orgeln: Die Zahl der Kirchenaustritte allein in Deutschland liegt weit über 200.000 pro Jahr.

Diese Entwicklung hat die Finanzwelt längst erfasst. Laut einer aktuellen Studie in 27 Industrie- und Schwellenländern glauben nur noch 11 Prozent der Menschen an die Unfehlbarkeit des Kapitalismus. Die Austrittswelle hat begonnen. May the Lloyd be with us.

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