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26. Januar 2010, 16:19 Uhr

Die tägliche Wirtschaftsglosse

Trau keinem über 30

Von Arvid Kaiser

Es heißt, Wirtschaft sei zu 50 Prozent Psychologie. Der Rest ist dann wohl Biologie. Am Ende des Tages gelten für Unternehmen dieselben Naturgesetze wie für Menschen.

Wir sollten der Wahrheit ins Auge sehen: Wir alle werden älter. Unsere Zellen sterben ab, unsere Schöpferkraft schwindet. Das Leben kann immer noch schön und erfüllend sein, so aufregend wie früher wird es aber wohl nicht mehr.

Arvid Kaiser

Arvid Kaiser

Und was für uns Menschen gilt, gilt für Unternehmen ebenso. Eindrucksvoll belegt das eine Studie der Unternehmensberatung Munich Strategy Group. Die Strategen haben herausgefunden, "dass die Leistungsfähigkeit der Softwarehersteller nach ihrem 30. Geburtstag rapide abnimmt". Das ewige Werden und Vergehen haben die Berater in einer schlichten Lebenszykluskurve aufgezeichnet. Die Leistung (hier die Ebit-Quote) steigt bis Anfang 20, dann lässt sie allmählich nach, und kurz vor 40 wird sie negativ.

Geradlinig ist diese Entwicklung aber nicht. Das Leben verläuft in Aufs und Abs, in plötzlichen Entwicklungsschüben und langen Stagnationsphasen. Wir kennen es aus dem Freundeskreis: Viele Start-ups seien "aus ihrer Garagenmentalität nie wirklich herausgekommen", rügt die Munich Strategy Group. Werdet endlich erwachsen, Jungs!

Was dann passiert, ist auch nicht immer schön anzusehen. Wer sich auf Heiraten, Kinderkriegen, Hausbauen einstellt, im Job erfolgreich ist, wird kaum noch so abenteuerlustig sein wie zuvor. "Esprit und Pionierarbeit" lassen nach, beobachten die Berater. Aber der Wettbewerb der neuen Generation verzeihe diese innere Ruhe nicht. Die "Senioren der Branche" liefen Gefahr, "schneller zum Sanierungsfall zu werden, als Intel neue Prozessoren auf den Markt bringt".

Vielleicht ist es unfair, in diesem Zusammenhang Namen zu nennen. Doch die deutschen Marktführer SAP (37 Jahre) und Software AG (40) dürften alarmiert sein.

Schon ein kurzer Blick auf die IT-Branche genügt, um festzustellen, wie allgegenwärtig und siegreich der Jugendwahn ist. Apple (33), alte Freunde registrieren es enttäuscht, ist längst arriviert und hat kaum noch wirklich neue Ideen - wirkt aber immer noch frischer als Microsoft (34). IBM blickt auf ein erfülltes Leben zurück: fünf Nobelpreise, etliche andere Auszeichnungen, und so viele Computer verkauft, wie die anderen noch lange nicht zusammenschrauben können. Trotzdem sind leicht knöcherne Züge kaum zu leugnen.

Von seinem Thron ist IBM nicht so schnell zu stoßen, doch Gegenwart und Zukunft gehören eher anderen. Was der halbstarke Google (11) da treibt, wird IBM wohl in diesem Leben nicht mehr verstehen. Und das kleine Facebook (6) kann zwar noch keinen Gewinn schreiben, freut sich aber schon riesig auf die Schule.

Die Ergebnisse der Studie lassen sich mühelos auf andere Branchen übertragen. Volkswagen beispielsweise mag sich noch rüstig genug fühlen, um die Eroberung der Autowelt bis 2018 zu planen. Doch dann wird der Wolfsburger Autobauer 71 - vor gar nicht so langer Zeit demonstrierten sie in Wolfsburg noch gegen die Rente mit 67.

Als Daimler und Chrysler "Hochzeit im Himmel" feierten, hätten die Festgäste schon misstrauisch werden können. Waren die Brautleute doch damals bereits 108 und 73. Selbst für eine klassische Scheinehe, um an das Erbe heranzukommen, war Chrysler zu spät dran, weil selbst schon siech.

Ein wahrer Methusalem ist Siemens (162). So alt werde man nur, wenn man sich immer wieder neu erfindet, ist aus München zu hören. Doch wahrscheinlich muss man schon die Ärzte bestechen, damit sie die Geräte nicht abschalten.

Am Ende des Vortages: Alles Verhandlungssache - die Glosse vom 25. Januar

Arvid Kaiser: "Gute" Fahrt


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