Von Kai Lange
Überholt uns da jemand? Da streiten wir Deutsche gerade darüber, wie wir Google Street View, dieses Big-Brother-Auge in unseren Straßen, am besten blenden. Noch sind wir gar nicht richtig auf Temperatur, die Einspruchsformulare gegen das Ins-Netz-Stellen unserer Häuser sind noch gar nicht ausgefüllt, da platzt Facebook-Chef Mark Zuckerberg mitten in unsere Erregung hinein und berichtet, dass der Standortdienst "Places" gestartet ist.
Ein Dienst ist das, keine Drohung. Die 500 Millionen Nutzer des Facebook-Netzwerkes haben künftig Gelegenheit, dem Rest der Welt laufend mitzuteilen, wo sie sich gerade befinden. Das, was bislang nur Jack Bauer, CIA und Mossad sowie auserwählten Nutzern der iPhone-App "Foursquare" möglich war, kann endlich auch die große Schar der Facebook-Freunde tun: Ein lückenloses Bewegungsprofil erstellen. Von sich selbst. Freiwillig. Realtime.
Das kann dann bald so aussehen: Hallo Welt, am Montag von 17 bis 19 Uhr bin ich immer bei McDonald's in Hamburg-Altona. Dienstags Wellness im Dino-Bad, anschließend ab in die Meanie Bar. Am Mittwoch, ja da treibe ich mich stundenlang bei Zara und H&M rum, und donnerstags treffen wir uns stets in großer Runde bei World Coffee. Bestellt wird meist Wocochino, checkt das mal ab.
Jeder unserer Schritte wandert fortan in den Facebook-Datenspeicher, doch die Fassade unserer Häuser darf Google nicht sehen. Die wird verpixelt. Ätsch.
Es ist ja nicht so, dass es keine Incentives, keine Belohnung gibt. Bei Foursquare zum Beispiel werden diejenige, die sich am häufigsten nachweisbar bei McDonald's, im Dino-Bad oder der Meanie Bar sehen lassen, zum "Mayor" gekrönt. Sie sind dann der Bürgermeister, der Chef dieses coolen Ortes.
Wow! Der Mayor von McDonald's in Hamburg-Altona! Das ist doch was!
Ein Titel zumindest, der hart errungen und verteidigt werden will. Ob die vollständigen Bewegungsprofile Millionen junger Menschen sowie ihre detaillierten Angaben zu ihren Konsumvorlieben Datensätze sind, die nicht nur die Werbewirtschaft interessieren könnten, diese Debatte überlassen wir mal den ewigen Nörglern und ewig Gestrigen.
Denn wo ist das Problem? Die gültige Antwort auf alle Datenschutzfragen kam dieser Tage ausgerechnet von Google-Chef Eric Schmidt persönlich. In Zukunft soll einfach jeder Jugendliche bei Erreichen der Volljährigkeit seinen Namen ändern können, und alle Probleme mit den im Internet auf ewig festgehaltenen Jugendsünden wären gelöst. Genial. Dass wir da nicht selbst draufgekommen sind.
Bei der Änderung des Namens darf es natürlich nicht bleiben. Eine Gesichtsoperation ist ratsam, um auch die vielen Fotos im Netz zu entwerten. Und ein Ortswechsel muss her, um die Bewegungsprofile der letzten zehn Jahre hinter sich zu lassen. Möglichst weit weg sollte es schon sein.
Das alles ergibt das perfekte Szenario für die Party zum 18. Geburtstag. Wir laden all unsere Facebook-Freunde ein, und zum Ausklang des rauschenden Festes rollt ein schwarzer Wagen mit verdunkelten Scheiben vor. Jack Bauer, Mr Smith oder irgendein CIA-Typ zerren uns hinein, und wir entschwinden auf Nimmerwiedersehen.
Aus dem Mayor wird Herr Maier. Aus Hamburg-Altona wird Hongkong. Und hatten wir uns nicht schon immer eine Nase wie Michael Jackson gewünscht? Ein neues Leben, neue Freiheit. Wir müssen Schmidt und Zuckerberg nur machen lassen.
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