Von Klaus Werle
Bei Recruiting-Gesprächen hört Achtenmeyer in letzter Zeit Bedrohliches. "Wie sieht es denn aus mit der Work-Life-Balance?", fragen ihn verwöhnte Schnösel und zupfen am Ärmel ihrer Pferdchenhemden, während sie weiter von Familie, quality time und, man fasst es nicht, "geregelten Arbeitszeiten" fabulieren. Am Anfang brach Achtenmeyer ansatzlos in dröhnendes Gelächter aus, woraufhin ihn Dr. Karl mit dem missbilligenden Blick eines Archäologen bedachte, der auf einen Dino-Knochen hoffte, aber nur langweiligen versteinerten Farn gefunden hat.
Weil Achtenmeyer durchaus empfänglich ist für subtile Signale und darüber hinaus sogar seine Frau bemerkt hat, er wirke in letzter Zeit ein wenig angespannt, checkt er bei der nächsten Dienstreise im "Crowne Plaza" ein. Die Hotelkette hat zusammen mit Schlafforschern das "Sleep Advantage-Programm" entwickelt, weil "Ruhe und Erholung notwendig für die Leistungsfähigkeit jedes Einzelnen sind". Dazu gehören laut Hotel "weiche Bettwäsche, komfortable Kopfkissen und herrlich bequeme Matratzenauflagen".
Klaus Werle
Achtenmeyer muss ein paar Minuten suchen, bis er den Off-Knopf am Blackberry gefunden hat, aber dann: Entspannung. Diese Ruhe, dieses Runterkommen. Fünf Minuten schafft er, dann bricht ihm vor Nervosität der Schweiß aus. Vielleicht hilft die Aromatherapie. Achtenmeyer greift zum ätherischen Öl "Deep Calm", doch seine Hände zittern und er gießt sich die halbe Flasche aufs Gesicht. Jetzt riecht er zehn Kilometer gegen den Wind wie ein aus den Fugen geratenes Duftbäumchen, und vom süßlichen Geruch wird ihm übel. Ermattet fällt er auf die bequeme Matratzenauflage und dämmert ein.
Um zwei schreckt er aus unruhigem Schlummer, weil die russischen Bisnessmeni von links nebenan von ihrer Sauftour zurück sind und rumpelnd und grölend durch die ausschließlich für Geschäftsreisende reservierte Ruhezone trampeln. Um Vier scheint die letzte Wodkaflasche geleert, und Achtenmeyer sind weitere dreißig Minuten Schlaf vergönnt, bevor sich sein Nachbar rechts nebenan rasiert, weil der Streber den Flieger um Fünf kriegen muss. Den Wake-Up-Call, den das Hotel garantiert, braucht er jetzt nicht mehr. Noch im Bett startet er den Blackberry, checkt 68 Mails und fühlt sich zum ersten Mal seit fast zehn Stunden so richtig entspannt.
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