Von Maren Hoffmann
Am Wochenende, im Schwimmbad, da wurde es mir plötzlich klar. Ganz klar. Die Welt funktioniert überall nach denselben Gesetzen. Es gibt keine Ausnahmen, noch nicht mal in meiner Freizeit. Im großen Becken war es genau wie vor der Wirtschaftskrise. Die Leute plantschten einfach so herum, ließen sich treiben, fanden alles toll und machten sich weiter keine Gedanken. Na ja, die mit Familie waren vielleicht ein kleines bisschen verantwortungsvoller. Für meine Tochter hatte ich eine der wenigen großen Schwimmmatten gesichert, die im Becken herumschwammen. Nur für den Fall.
Maren Hoffmann
Dann der Gong. Die Wellenmaschine setzte sich in Betrieb. Jetzt hätte jeder gerne wenigstens ein kleines Schwimmbrett gehabt, weil es damit einfach mehr Spaß macht, in den Wogen zu toben. Aber als ich den Zwölfjährigen bat, mir von seinem Turm doch wenigstens eines abzugeben, beschied er mich kühl: "Klar. Können Sie haben. Ich gebe Ihnen sogar zwei. Aber dafür will ich die große Schwimmmatte." "Ich hab doch gar keine." "Aber Ihr Kind." Als ich ihn fassungslos anstarrte, zuckte er die Achseln, während die erste Welle uns beide nach oben hob: "Man muss schließlich über alles verhandeln." Es war keine Spur von Unsicherheit in seinem Verhalten. Nur nüchternes Kalkül. Ein zwölfjähriger Geschäftsmann in Badehose. Mich fröstelte.
Erst später wurde mir klar, dass ich die perfideste Form der Rache gewählt hatte. Jetzt war es dem bedauernswerten kleinen Kerl nicht mehr möglich, irgendeines seiner Schwimmbretter abzugeben, ohne sein Gesicht zu verlieren. Mühsam strampelte er durch die Wellen, stets besorgt um seinen Schatz. Und dann, allmählich, glätteten sich die Wogen. Alles war wieder ruhig. Die Bademeister zogen sich zu einem Becher Kaffee in ihr Glashäuschen zurück. Die Oberfläche des Beckens spiegelte wieder. Es war vorbei.
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