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14.01.2010
 

Die tägliche Wirtschaftsglosse

"Gute" Fahrt

Von Arvid Kaiser

Die Autoindustrie ringt mit der Aufgabe, sich neu zu erfinden. Eine klare Sprache hat sie noch nicht gefunden. Am Ende des Tages ist das vor allem eine Stilfrage.

Mit Ironie ist das so eine Sache. "Ironie versteht der Leser nie", stellt Wikipedia fest, ohne Ihnen, verehrte Leser, zu nahetreten zu wollen. In Medien sei dieser distanzierte Humor daher nur in Reservaten anzutreffen, zum Beispiel hier in dieser Glosse. Für verunsicherte Journalisten hat das Nachschlagewerk einen Rat übrig: "Hat ein Schreiber Zweifel, ob seine Leser Ironie erkennen können, so wird er vorsichtshalber ironisch gemeinte Wörter mit Anführungszeichen kennzeichnen."

Arvid Kaiser

Arvid Kaiser

Dieser gute Tipp ist sogar offiziell in Paragraf 94 des überarbeiteten amtlichen Regelwerks der deutschen Rechtschreibung von 2006 festgeschrieben. Mit Beispielen: "Für diesen 'Liebesdienst' bedanke ich mich." Oder: "Er bekam wieder einmal seine 'Grippe'." Das wirkt zwar stillos, ist aber erlaubt.

Ansonsten soll man mit den Häkchen sparsam umgehen. Sie werden für wichtige Dinge wie indirekte Rede oder Zitate gebraucht. Eine Imbissbude, die "frischen" Fisch oder "lecker" Würstchen verkauft, verkauft gemäß Paragraf 94 also bestimmt keinen frischen Fisch oder leckere Würstchen.

Möglich sind Anführungszeichen um Namen von Werken oder Marken, falls diese nicht ausreichend bekannt sind. Der "ADAC", pardon ADAC (das ist der Allgemeine Deutsche Automobil-Club, ein Verein mit 16 Millionen Mitgliedern) dürfte also davon ausgehen, dass man seine "Gelben Engel" sogar als Gelbe Engel durchgehen lassen kann.

Trotzdem fühlten sich die Autofreunde heute in München wohl sicherer, den Preis "Gelber Engel 2010" in Gänsefüßchen zu verleihen. Es war eine ernsthafte Veranstaltung, in der ehrwürdigen Residenz, mit der versammelten Autoprominenz von Ferdinand Piëch bis Dieter Zetsche, moderiert von Nina Ruge, und sogar dem Bundespräsidenten als Ehrengast.

Die Wirtschaftsglosse im manager magazin
Jeden Freitag gegen 15 Uhr eröffnen Autoren aus der Print- und Onlineredaktion von manager magazin einen anderen Blickwinkel auf das Wirtschaftsgeschehen: Weniger kursrelevant, aber am Ende des Tages umso unterhaltsamer.
Der begnadete Kabarettist Gerhard Polt machte zwar seine Scherze über das Autofahren, dessen Ironie verstand die versammelte Benzingemeinde aber wahrscheinlich wieder nicht. Laut gelacht wurde eher über Sprüche wie diesen: "Unsere Stückzahlen sind ja nicht so hoch", sagte Subaru-Deutschland-Geschäftsführer Jens Becker. "Aber ab und zu ist es besser, ein bisschen weniger zu verkaufen, aber dabei Geld zu verdienen."

Noch weniger Spaß verstand Horst Köhler. "Ich finde, diese Haltung können wir uns nicht mehr leisten", teilte der Bundespräsident in seinem Grußwort dem ADAC mit. Was meinte der Ehrengast? Beim Markenranking des Vereins hätten Umweltaspekte ein zu geringes Gewicht, sagte er. Doch das war sicher nur die vordergründige Kritik. Wo es tatsächlich dem ADAC an Haltung fehlt, das hat wohl auch der Präsident erkannt, ist die Art, Werturteile hintenrum zu äußern - richtig, mit ironischen Anführungszeichen.

Der Automobilclub ehrte laut seiner Pressemitteilung nicht etwa das Auto des Jahres, sondern "das 'Auto' 2010" (Mercedes E-Klasse). Audi ist demnach nicht die Marke 2010, sondern "die 'Marke' 2010". Und "die Auszeichnung für die beste 'Qualität' 2010 geht nach Japan", für den Subaru Justy.

Im Klartext: Mag ja sein, dass die Fernost-Karre in Pannenstatistik und Kundenzufriedenheit führt, aber gute Qualität kann doch nur aus Deutschland kommen. Die Ingolstädter sind eigentlich Aufsteiger und Neureiche, Reingeschmeckte in der Oberklasse. Und die geteilten Scheinwerfer der E-Klasse sehen einfach bescheuert aus. Aber Hauptsache, der ADAC ist "mit Sicherheit" für Sie da.

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