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08.01.2010
 

Die tägliche Wirtschaftsglosse

Die Demenz des Volkes

Von Matthias Kaufmann

Eine Mehrheit der Deutschen will sich nicht mit Steuersenkungen beglücken lassen. Merkwürdig, denn noch zur Wahl wusste die FDP mit dem Plan zahlreiche Wähler zu gewinnen. Am Ende des Tages trifft die Partei ein Phänomen, das Silvio Berlusconi seit Jahren an der Macht hält.

Es war immer so leicht für die Deutschen, auf Italien hinabzublicken. Diese liebenswerten Chaoten, zwar schwer mafiös, aber mit sonnigem Gemüt. Ein wunderbares Klischee, das den italienischen Tourismus jahrzehntelang am Laufen hielt.

Matthias Kaufmann

Matthias Kaufmann

Zuletzt nahm sich der italienische Regierungschef höchstpersönlich der Imagepflege an. Gibt - gänzlich wider seine Natur - den gönnerhaften Politpaten, den charmanten Regierungszuhälter. Wenn er sich mal wieder verplappert, einen EU-Parlamentarier mit einem Nazi-Kapo vergleicht oder den US-Präsidenten für seinen "gut gebräunten Teint" lobt, dann, nun ja, hat man ihn einfach mal wieder missverstanden. Jeder Staatsaffäre trotzt er mit botoxgestähltem Lächeln. Krisen, so die stillschweigende Berlusconi-Doktrin, sind eine Ausgeburt der Monogamie.

Seine Landeskinder unterstützen das folkloristische Theater nach Kräften. Sie wählen ihn immer wieder, doch schon wenige Wochen nach dem Urnengang kann sich niemand mehr erinnern, je für ihn gestimmt zu haben. Für Deutsche ist das eine immer wieder irritierende Erfahrung: Keiner weiß, wer Berlusconi wählt. Wie kann man politisch so ignorant sein? Ach, Italien!

Die Wirtschaftsglosse im manager magazin
Jeden Freitag gegen 15 Uhr eröffnen Autoren aus der Print- und Onlineredaktion von manager magazin einen anderen Blickwinkel auf das Wirtschaftsgeschehen: Weniger kursrelevant, aber am Ende des Tages umso unterhaltsamer.
Nur Italien? Auch Deutschland leidet unter Wahldemenz. Ein Blick in die Archive zeigt: Ende September 2009 wurde eine gewisse FDP mit 14,6 Prozent der abgegebenen Stimmen in den deutschen Bundestag gewählt. Erinnern kann sich daran kaum jemand. Wen man auch fragt: Nur die wenigsten wollen für diese Gruppierung gestimmt haben, die glaubt, Budgetlöcher ließen sich durch geringere Einnahmen stopfen. Schon eine Woche nach Amtsantritt hatte die FDP 3 Prozentpunkte ihrer Zustimmung verloren. Bei der jüngsten Sonntagsfrage kommt sie auf 11 Prozent. Das sind Stimmverluste auf SPD-Niveau.

Gerupft wird vor allem der FDP-Herzenswunsch nach weitreichenden Steuersenkungen. Eine Mehrheit der Deutschen hält ihn für ungefähr so seriös wie ein Keuschheitsgelübde des italienischen Premiers. 58 Prozent der Befragten einer ARD-Umfrage lehnen die Senkungen ab, selbst in der FDP sind 53 Prozent dagegen.

Der Widerstand ist bei jenen Menschen besonders groß, die durch Steuersenkungen am meisten sparen könnten, bei Gutverdienern. Erstaunlich auch, wo sich derzeit stolze Bastionen der FDP finden. Die meisten Anhänger für ihre Steueridee leben in Haushalten mit geringem Einkommen. Für sie fällt es stärker ins Gewicht, ein paar Euro mehr zu haben.

Vielleicht spielt bei ihnen ja auch noch eine Hoffnung aus dem Wahlkampf eine Rolle. Da klebte die FDP Plakate mit dem Slogan: "Arbeit muss sich wieder lohnen". Ein klares Bekenntnis zum Mindestlohn, das man aus dieser politischen Ecke am wenigsten erwartet hätte. Aber da hat man die FDP, nun ja, wohl einfach nur missverstanden.

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