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18.12.2009
 

Die tägliche Wirtschaftsglosse

Das Böse gewinnt

Von Arvid Kaiser

Korruption, Drogenhandel, Schwarzarbeit, Steuerflucht und Geldwäsche sind abscheulich - laut einer neuen Studie der Deutschen Bank aber hilfreich für die Wirtschaft. Am Ende des Tages ist der Ehrliche wieder der Dumme.

Woran arbeitet wohl gerade die Forschungsabteilung der Deutschen Bank? Am superstabilen Finanzsystem? An neuen Argumenten für höhere Boni? Weit gefehlt. Soeben erreicht uns eine neue Kurzstudie des Bankökonomen Sebastian Kubsch zum Thema "Krisenfest mit Schattenwirtschaft". Der Mann hat wissenschaftlich untersucht, in welchem Zusammenhang Schattenwirtschaft und Ausmaß der Rezession in verschiedenen europäischen Ländern stehen.

Arvid Kaiser

Arvid Kaiser

Und siehe da: Europas Champions in Sachen Krisenvermeidung sind ausgerechnet die Griechen, die zugleich laut Deutscher Bank die größte Schattenwirtschaft betreiben. Das hebt sich doch wohltuend von den gerade wieder modischen moralinsauren Kommentaren wie "Es ist fünf vor zwölf in Griechenland" (The Economist) ab.

Auch Portugiesen, Belgier und Spanier fahren mit dunklen Geschäften mindestens so gut wie die Saubermänner des Kontinents - Österreicher, Niederländer und Franzosen, die auch noch passabel abschneiden.

"Besonders hart trifft es dagegen Staaten, in denen die Bevölkerung sich nicht so recht entscheiden kann, ob sie nun ehrlich oder konsequent am Staat vorbei ihre Arbeitsleistung erbringen soll", stellt die Deutsche Bank fest. Irland, Skandinavien, klar. Doch auch die Deutschen finden sich mit einer Schattenwirtschaftsquote von 15 Prozent und einem Wirtschaftseinbruch um 5 Prozent in dieser Liga.

Die Wirtschaftsglosse im manager magazin
Jeden Freitag gegen 15 Uhr eröffnen Autoren aus der Print- und Onlineredaktion von manager magazin einen anderen Blickwinkel auf das Wirtschaftsgeschehen: Weniger kursrelevant, aber am Ende des Tages umso unterhaltsamer.
Wenn diese Diagnose nicht Ihrem Selbstbild als aufrechter Deutscher entspricht, denken Sie bitte kurz an die schwarzen Kassen von Siemens und der CDU, die Lustreisen bei Volkswagen und Klaus Zumwinkels Steuersparmodell. Und vielleicht haben Sie auch schon einmal davon gehört, dass manche Putzfrau und mancher Handwerker sich in bar bezahlen lässt. Gleichzeitig darf wohl ohne Übertreibung gesagt werden, dass der Staat hierzulande noch immer eine höhere Autorität genießt als die Mafia.

Jedenfalls folgert die Deutsche Bank, dass dieser Mittelweg uns zum Nachteil gereicht: "Egal, ob gut oder böse, wir sollten uns für eine Seite entscheiden." Herrlich dramatisch. Sofort fühlen wir uns in ein Duell zwischen Darth Vader und Luke Skywalker hineinversetzt. Die Dunkle Seite der Macht ruft uns! Und sie macht ein Angebot, das wir nicht ablehnen können.

Was bedeutet das konkret? Die Deutsche Bank schlägt vor: "Wir nehmen uns ein Beispiel an so erfolgreichen Ländern wie Griechenland (in diesem Fall sollten wir jedoch nicht nur den Maler im Wohnzimmer schwarz beschäftigen, sondern gleich das ganze Haus am Staat vorbei bauen)." Klingt machbar. Und weiter: "In jedem Fall sollten wir uns ausnahmsweise nicht an Vorzeigeeuropäern wie Schweden, Dänen oder Finnen orientieren." Jawoll!

Doch dann muss sich irgendwie Finanzminister Wolfgang Schäuble ins Unterbewusstsein des Bankökonomen eingeschlichen haben. Vielleicht etwas unpassend, wird sich Kubsch gedacht haben: Steht die Deutsche Bank nicht sowieso unter argwöhnischer Beobachtung, gerade weil sie den Staat gern links liegen lässt?

Wohl deshalb entscheidet er sich, allen Fakten zum Trotz, in letzter Minute zum anderen Extrem. Ist 3 Prozent minus nicht auch ganz okay? "Ehrliche Arbeit lohnt sich!", postuliert der Ökonom. Und sowieso "sollten wir aus der Krise gelernt haben, dass Moral und Anstand erst ein nachhaltiges Wirtschaften möglich machen". Dann wünscht er gar noch "frohe Weihnachten".

Moment mal. Hat der schlaue Herr seine Arbeit als Ökonom da vielleicht etwas vernachlässigt? Nur Zahlen zählen! Und die lassen nur einen Schluss zu: Das Böse gewinnt.

Und noch etwas: Wenn die Zahlen zur Schattenwirtschaft denn tatsächlich stimmen (sie stammen von der Universität Linz), muss die Dunkelziffer zum offiziellen Bruttoinlandsprodukt hinzugerechnet werden. Dort erfassen die Statistiker schließlich definitionsgemäß nur legale Geschäfte. Mit anderen Worten: Die Griechen und Italiener sind um ein Viertel reicher als gedacht, Letztere dürften gar die größte Wirtschaftsmacht Europas darstellen, während sich in Richtung Niederlande und Österreich doch ein beträchtliches Wohlstandsgefälle abzeichnet. Von wegen ehrliche Arbeit lohnt sich.

PS: Grüße ans Finanzamt. Fragen Sie doch mal Herrn Kubsch nach den Rechnungen für den Maler in seinem Wohnzimmer.

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