Diesen Text gibt es auch als Audiostory: IG Metall - Freundliche Übernahme

Vorm Werkstor von Siemens in Görlitz herrscht an diesem Novembermorgen normaltägliche Ruhe, einzig der Verkehr auf der Lutherstraße dröhnt. Jan Otto allerdings traut dem Frieden nicht. "Wir bleiben in Achtsamkeitshaltung", sagt er.

"Held von Görlitz" wird er genannt. 37 Jahre alt, lange blonde Haare, graues Hemd, schwarzes Jackett. Ein gelernter Lokführer, der hier in Ostsachsen die Geschäfte der IG Metall leitet. "Erster Bevollmächtigter" heißt die Berufsbezeichnung in der Hierarchie der Gewerkschaft, wobei der Mittelteil "mächtig" zweifellos den Kern ausmacht – und den der folgenden Geschichte.

Eineinhalb Jahre hat Otto dafür gekämpft, dass der Siemens-Standort in Görlitz erhalten bleibt. Jan Otto gegen Joe Kaeser (61), den Chef des zweitgrößten deutschen Konzerns. Ein Metallknappe gegen König Joe.

Er mobilisierte Politiker aus Stadt und Land, sogar der Bundespräsident kam. Noch vor ein paar Monaten ballten sich 7000 Menschen auf dem Obermarkt in der Altstadt, die größte Ansammlung seit der Wiedervereinigung. Sie brüllten und pfiffen. Auf der Straße kämpfte Otto wie ein Arbeiterführer zu Zeiten der Dampfmaschine – hinter den Kulissen aber: flexibel, pragmatisch, kreativ. Mit der Taktik der Zukunft.

Ende September hat er dem Weltkonzern einen Interessenausgleich abgehandelt, der nicht nur – wie sonst üblich – Arbeitsplätze sichert. Sondern, basierend auf seinen Konzepten, auch Investitionen in neue Technologien (etwa Wasserstoff) vorsieht. Plötzlich scheint in Görlitz etwas möglich. "Warum ist darauf nicht das Management gekommen?", fragt Otto. "Statt Stellen zu streichen, erwarte ich von einem Konzern dieser Größe mehr Innovationen und auch Lust am Standort Deutschland."

So erlebt er es immer häufiger. "Um Jobs zu erhalten, entwickeln wir den Unternehmen neue Ideen und machen intensive Lobbyarbeit, was eigentlich nicht unsere Aufgabe ist", sagt er. Politiker fragen, ob er für die Kohlekommission nicht ein Verkehrskonzept für die Lausitz ausarbeiten könne. Ingenieure schicken ihm Geschäftsideen, die in ihren trägen Firmen nicht aufgegriffen würden, verbunden mit der Bitte: "Mach etwas draus am hiesigen Standort!"

Jan Otto, der Frontmann an der Grenze zu Polen, steht für die neue Gestaltungsmacht der IG Metall. Die größte Einzelgewerkschaft der westlichen Hemisphäre, die mehr als doppelt so viele Mitglieder führt wie die Volksparteien CDU und SPD zusammen (siehe Grafik "Volkspartei IG Metall"), ist in eine neue Rolle hineingewachsen. Die reinen Krachmacherzeiten unter roter Fahne sind vorbei. Vielmehr präsentieren Pragmatiker an den Schaltstellen der Organisation eigene Ideen für neue Arbeitsformen und neue Technologien, für den Umbau von Konzernen und sogar ganzen Branchen.

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