Als Andrej Safundzic (21) im vergangenen Frühjahr seine erste Mail ans Bundeskanzleramt schrieb, war er auf Enttäuschungen vorbereitet. Würden sie überhaupt antworten? Und selbst wenn: Würde es mit den Beamten nicht sowieso "krampfig" werden?

Der Computerwissenschaftler mit Abschlüssen aus München und Harvard hatte von den Plänen der neuen Bundesregierung gelesen, dem Thema Digitalisierung nun die Priorität einzuräumen, die ihm gebührt. "Endlich", dachte sich Safundzic und bot seine Hilfe an.

Er erklärte, warum junge Programmierer wie er einen großen Bogen um Behörden machen (kaum Freiraum, altmodische Arbeitsweise). Und er hatte eine Idee, wie sich die Berührungsängste womöglich senken ließen: über ein Behörden-Fellowship. Die Antwort kam prompt – und zwar vom Büro des Chefs: Bundeskanzleramtsminister Helge Braun (46; CDU).

Nur knapp zwei Monate später saß Safundzic zum Kennenlerngespräch in Berlin. "Das ging alles sehr schnell", lobt er. "Ziemlich Start-up-mäßig."

Braun ließ das Konzept direkt umsetzen oder, wie es der Minister selbst im Milieuduktus formuliert, "einen Prototypen am Kunden testen". Unter dem Label "Tech4Germany" wurden Softwareentwickler und andere Experten für drei Monate nach Berlin gelockt, ohne formale Ausschreibung oder Beamtenlaufbahnbefähigung. Sie sollten "agil" drängende IT-Probleme des Bundes lösen. Für insgesamt 3500 Euro plus Reisekosten, ganz unbürokratisch.

Die ersten neun Kandidaten (Durchschnittsalter: 25) durften gleich im Sommer ran und entwarfen etwa eine Onlineauktionsplattform, über die der Zoll beschlagnahmte Güter wieder loswird. Die Bundesregierung mietete die Nerdtruppe bewusst außerhalb der Amtszone in einem Coworkingspace am Alexanderplatz ein, dafür schauten Beamte des Kanzleramts regelmäßig bei den hauseigenen Exoten vorbei. "Eine Befreiung für beide Seiten", so Safundzic.

Der Prototyp reüssierte. Künftig, so lautet derzeit der Plan, sollen jedes Jahr rund 25 Talente ähnliche Projekte abarbeiten. Minister Braun hofft, so die langwierigen Vergabemechanismen der öffentlichen Hand wenigstens gelegentlich umgehen zu können und neue Ideen ins Haus zu holen. Günstig ist es obendrein.

Der kräftige, hochgewachsene Hesse kann schnelle Erfolge gut gebrauchen. Sein Tagewerk ist mühsam genug. Im Kabinett Merkel IV füllt er einen der einflussreichsten, aber auch härtesten Posten aus: Als "ChefBK", wie sie das Amt im politischen Berlin nennen, ist Braun für die Hintergrundmechanik der Großen Koalition verantwortlich. Ob Flüchtlingskrise oder Rentenreform – die Fäden wichtiger Projekte laufen am Ende bei ihm zusammen. Beim Dieselgipfel presste er der Autoindustrie Zugeständnisse ab. Und als Angela Merkel den Kohleausstieg zur Chefsache erklärte, lud Braun Mitte Januar zum Treffen. Eigenes Profil gewinnen kann man in dieser Rolle kaum, Vorrang hat das Wohl der Kanzlerin.

Was Helge Braun von seinen Vorgängern unterscheidet, ist seine historische Spezialmission: Braun ist gleichzeitig der Chefdigitalisierer der Bundesregierung und damit für nicht weniger verantwortlich als "unseren künftigen Wohlstand" (Merkel). Er soll das zuvor weitgehend unbestellte Großthema in konkrete Gesetze gießen, die Verwaltung ins Internetzeitalter führen, die künstliche Intelligenz (KI) voranbringen und im 5G-Poker nebenbei die Schließung von Funklöchern und Breitbandlücken koordinieren.

Der Druck ist immens, ein Scheitern nicht unwahrscheinlich. Der Widerwillen, sich der digitalen Transformation zu stellen, ist in der Politik noch ausgeprägter als in der Wirtschaft. Brauns Vorgänger, darunter der aktuelle Wirtschaftsminister Peter Altmaier (60; CDU), hatte das Thema kaum interessiert. Nicht wenige glauben, der Rückstand sei kaum noch aufholbar. Bewährt sich Braun, wäre das nicht nur für die Koalition ein großer Erfolg – es wäre auch für ihn persönlich ein Katapult, das seine ohnehin schon rasante Karriere noch viel weiter treiben könnte.

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