Die Emissäre der Konfliktparteien waren um den Anschein von Friedfertigkeit bemüht. Ulrich Lehner (72), als Aufsichtsratschef von ThyssenKrupp der Gastgeber des Treffens, versicherte, man strebe "ein konstruktives Arbeitsverhältnis" an. Sein Gegenüber Franck Tuil vom Investor Elliott versuchte sich ebenfalls in kultivierter Rhetorik. Seine Forderung nach der Ablösung von Heinrich Hiesinger (58) als CEO von ThyssenKrupp könne er mit einer Analogie aus dem Fußball erläutern: Angesichts des Zustands des Ruhrkonzerns müsse die Frage nach der Qualität des langjährigen Trainers doch vielleicht erlaubt sein.

Tatsächlich durchzog tiefes Misstrauen das rund einstündige Gespräch an diesem 27. Juni im wuchtigen Hauptquartier ThyssenKrupps: Lehner hatte Linklaters-Anwalt Ralph Wollburg an seine Seite geholt, einen profunden Gegner Elliotts. Tuil wiederum hatte zur Sicherung der Waffengleichheit den Hausjuristen Christopher Leonard mitgebracht. Das Zahlenwerk, mit dem sie ihre Fundamentalkritik an dem Konglomerat untermauerten, gaben sie lieber nicht aus der Hand. Lehner musste sich mit einer Präsentation auf dem iPad begnügen.

Nur wenige Tage später entlud sich die Spannung. Zunächst schmiss Hiesinger hin. Kurz darauf flüchtete Hals über Kopf auch Lehner – der mit allen verfügbaren Wassern gewaschene Multimanager der Deutschland AG. Noch wenige Wochen zuvor hatte er Finanzinvestoren als "vorübergehendes Phänomen" verzwergt, nun bezichtigte er sie des "Psychoterrors".

Seitdem schwankt der Essener Traditionskonzern zwischen Chaos und Aktionismus: Ende September will der Aufsichtsrat die Zweiteilung des Konzerns absegnen, eine Hauruck-Idee von Interims-Vorstandschef Guido Kerkhoff (50): Künftig soll es eine Materials AG und eine Industrials AG geben, mit einem Umsatz von 18 beziehungsweise 16 Milliarden Euro. Man weiß nicht so recht, welches Problem das tatsächlich lösen soll - Sanierungsbedarf wird es danach weiterhin geben, nur dann halt in zwei Unternehmen. Aber immerhin: ThyssenKrupp bewegt sich doch.

Tuil und seine Leute haben schon viele Schlachten geschlagen. Bei ThyssenKrupp waren sie mit weniger als 3 Prozent eingestiegen. Die Präsentation, mit der sie in Essen auftauchten, hatte ein Junior aus frei verfügbaren Daten zusammengestöpselt. So leicht wie bei ThyssenKrupp hat man es ihnen noch nirgendwo gemacht. Sie können es selbst noch nicht so recht fassen.

Andererseits: Der Erfolg bei dem Traditionskonzern zeigt, welchen Nimbus sich die Amerikaner inzwischen erarbeitet haben – und warum Deutschland für sie ein so attraktiver Markt ist.

Lehner, Vertreter einer zum Teil noch sehr ehrpusseligen Managergeneration, hatte Furcht vor der rüden Penetranz der US-Boys und ihrer mitunter rabaukigen Öffentlichkeitsarbeit. Er hatte sich informiert, wie brutal sie Klaus Kleinfeld angegangen waren, um ihn von der Spitze des Konzerns Arconic zu verdrängen. Elliott soll dabei über Zwischendienstleister auch Privatdetektive auf Nachbarn und Kleinfelds Töchter angesetzt haben – was Elliott bestreitet.

Zudem hatte sich Lehner über den Fall von Ton Büchner unterrichten lassen, bis Mitte 2017 CEO des niederländischen Chemiekonzerns AkzoNobel. Büchner hatte sich erfolgreich gegen eine Übernahme von Akzo durch den US-Konkurrenten PPG gewehrt, gegen den Willen seines Aktionärs Elliott. Der biss sich daraufhin fest und ließ eine Kampagne nach der anderen über Büchner und Chairman Antony Burgmans (71) rollen. Schließlich trat Büchner aus "Krankheitsgründen" zurück.

"Es ist gut, wenn eine Führungskraft mit dem Verständnis zuhört, dass wir real sind, dass wir die Fähigkeit haben, etwas durchzusetzen", sagt Elliott-Gründer Paul Singer (74).

Schon der bloße Auftritt des Investors wirkt wie einst im Mittelalter die Androhung von Folter. Damals gestand man. Bleibt den Betroffenen im Jahr 2018 nur mehr die Flucht?

Die künftige Erfolgsbilanz von Elliott in Deutschland könnte sich zu einer Kulturfrage auswachsen: Regieren künftig aggressive Aktionärscliquen das Land? Und wie viel eiskalten Kapitalismus kann Corporate Germany ertragen?

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