Der 5. Dezember war für die Bayer-Manager ein echter Härtetest: Investorentag in London, Auftritt vor vielen verzweifelten Assetmanagern, die in den vergangenen Wochen mit Grausen den Verfall der Bayer-Aktie in ihren Depots beobachten mussten. CEO Werner Baumann (56) versprach zusätzlich zum härtesten Sparprogramm der Konzerngeschichte (samt 12000 Stellenstreichungen), wie er Gewinnspannen und Umsätze bis 2022 steigern will: Teilverkäufe, Aktienrückkäufe, Dividenden. Alles, um irgendwie den Kursverfall zu stoppen, der den Konzern nach der Monsanto-Übernahme angreifbar gemacht hat. 

Baumann rief den Investoren zu: „Wir werden alles tun, um den wahren Wert des Unternehmens zurück in die Aktie zu bringen.“ Da war es womöglich schon zu spät. 

Unter Londons Investoren kursierte bereits das Gerücht, dass der US-Hedgefonds Elliott Partners bei Bayer eingestiegen sei, womöglich bald auf die Aufspaltung dringe, um Kasse zu machen. Und tatsächlich: Elliott hat Anteile des Dax-Konzerns übernommen. Die kommenden Monate dürften für Baumann und die anderen Bayer-Manager ungemütlich werden - denn das Muster ist das gleiche, das die Amerikaner schon bei ThyssenKrupp zum Erfolg führte.  

Auch dort war die Elliott-Clique mit weniger als drei Prozent der Anteile eingestiegen. Um dann die ThyssenKrupp-Oberen gnadenlos vor sich her zu treiben. Am Ende waren der Aufsichtsratschef und der Vorstandschef Geschichte und der Konzern in seiner bisherigen Struktur ebenfalls. Und Elliott eilt spätenstens seitdem ein Ruf voraus, dass schon die bloße Nennung des Namens unter deutschen Topmanagern Schaudern auslöst.

Ulrich Lehner (72), der mit allen verfügbaren Wassern gewaschene Multimanager der Deutschland AG, hatte den Angreifern als Aufsichtsratschef von ThyssenKrupp nichts entgegen zu setzen. Anfangs hatter er die Finanzinvestoren noch als "vorübergehendes Phänomen" verzwergt, nur um sie kurz darauf des "Psychoterrors" zu bezichtigen. Bei einem Krisentreffen in der wuchtigen Konzernzentrale untermauerten Elliott-Emissär Franck Tuil und dessen Hausjurist Christopher Leonard ihre Forderungen, Vorstandschef Heinrich Hiesinger (58) abzusetzen und den Konzern neu auszurichten. Das Zahlenwerk, mit dem sie ihre Fundamentalkritik an dem Konglomerat untermauerten, zeigten sie Lehner mit einer Präsentation auf dem iPad. 

Der Rest ist bekannt: Hiesinger schmiss wenige Tage später hin. Kurz darauf flüchtete Hals über Kopf auch Lehner. Der Essener Traditionskonzern schwankte wochenlang zwischen Chaos und Aktionismus, bis eine Hauruck-Idee von Vorstandschef Guido Kerkhoff (50) die Aufspaltung des Unternehmens in eine Materials AG und eine Industrials AG besiegelte.  

So leicht hatte man es Tuil und seinen Leute noch nirgendwo gemacht. Der Erfolg bei ThyssenKrupp zeigt, welchen Nimbus sich die Amerikaner inzwischen erarbeitet haben – und warum Deutschland für sie ein so attraktiver Markt ist. 

ThyssenKrupp-Aufseher Lehner, Vertreter einer zum Teil noch sehr ehrpusseligen Managergeneration, hatte Furcht vor der rüden Penetranz der US-Boys und ihrer mitunter rabaukigen Öffentlichkeitsarbeit. Er hatte sich informiert, wie brutal sie Klaus Kleinfeld angegangen waren, um ihn von der Spitze des Konzerns Arconic zu verdrängen. Elliott soll dabei über Zwischendienstleister auch Privatdetektive auf Nachbarn und Kleinfelds Töchter angesetzt haben – was Elliott bestreitet.

Zudem hatte sich Lehner über den Fall von Ton Büchner unterrichten lassen, bis Mitte 2017 CEO des niederländischen Chemiekonzerns AkzoNobel. Büchner hatte sich erfolgreich gegen eine Übernahme von Akzo durch den US-Konkurrenten PPG gewehrt, gegen den Willen seines Aktionärs Elliott. Der biss sich daraufhin fest und ließ eine Kampagne nach der anderen über Büchner und Chairman Antony Burgmans (71) rollen. Schließlich trat Büchner aus "Krankheitsgründen" zurück.

"Es ist gut, wenn eine Führungskraft mit dem Verständnis zuhört, dass wir real sind, dass wir die Fähigkeit haben, etwas durchzusetzen", sagt Elliott-Gründer Paul Singer (74).

Schon der bloße Auftritt des Investors wirkt wie einst im Mittelalter die Androhung von Folter. Damals gestand man. Bleibt den Betroffenen heute nur mehr die Flucht?

Die künftige Erfolgsbilanz von Elliott in Deutschland könnte sich zu einer Kulturfrage auswachsen: Regieren künftig aggressive Aktionärscliquen das Land? Und wie viel eiskalten Kapitalismus kann Corporate Germany ertragen?

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