Der Auftritt der Hippielegende stand ganz im Dienst der Gerechtigkeit. Mit grimmiger Miene, die Augen hinter den dunklen Gläsern seiner Sonnenbrille verborgen, betrat Neil Young (72) den Gerichtssaal des Superior Court for the County of San Francisco. Um die Hüften etwas fülliger, das Haar ergraut, aber im Auftritt immer noch so wirkungsvoll wie auf der Bühne von Woodstock. An seiner Seite Daryl Hannah (57; "Kill Bill"), das blonde Hollywood-Gift der späten 80er und frühen 90er Jahre.

"Wir sind zur Unterstützung von Dewayne Johnson (46) und der vielen Kinder hier, die auf den Schulhöfen spielen, auf denen er Unkrautvernichter gesprüht hat", erklärte das Glamourduo. Der vermeintliche Übeltäter: Monsanto, der US-Pestizid- und -Saatgutgigant. Das Opfer: der frühere Hausmeister Johnson, der seine Krebserkrankung auf das Herbizid Roundup und den Wirkstoff Glyphosat zurückführt.

Young steht ganz vorn in der Front gegen den Konzern des Bösen. 2015 machte er seinem Ärger über die Länge von vier Schallplattenseiten Luft ("The Monsanto Years"). Seit Bayer im August die Kontrolle bei der US-Firma übernommen hat, hat der "Godfather of Grunge" den deutschen Traditionskonzern im Visier. "Bei Bayer und Monsanto werden finanzielle Interessen über die Gesundheit von Menschen und wichtige Lebensgrundlagen gestellt", sagte er am Rande des Johnson-Verfahrens in San Francisco.

Der Prominenteneinsatz zeigt: Die Glyphosatproteste haben auch in den USA die Zirkel der Politaktivisten verlassen und sind zum breiten Publikumsthema geworden. Damit befindet sich Bayer auf bestem Weg in die Liga der bösen Buben unter den internationalen Großkonzernen. Dort, wo BP seit der Explosion seiner Bohrplattform im Golf von Mexiko spielt, die Deutsche Bank seit ihren juristischen Fehltritten in Serie oder Volkswagen seit Dieselgate. Die Folgen könnten verheerend sein: Dauerclinch mit den Behörden, Misstrauen bei Kunden, Aktionären und Talenten.

Angry Couple: Superstar Neil Young ("The Godfather of Grunge") marschiert und musiziert seit Jahren gegen den Monsanto-Konzern. Hier zusammen mit seiner Partnerin Daryl Hannah ("Kill Bill").
UPI Photo / imago

Angry Couple: Superstar Neil Young ("The Godfather of Grunge") marschiert und musiziert seit Jahren gegen den Monsanto-Konzern. Hier zusammen mit seiner Partnerin Daryl Hannah ("Kill Bill").

Der spektakuläre Spruch der kalifornischen Jury hat das Bild der guten Deutschen schwer beschädigt, das sie in Leverkusen so gern vor sich hertragen. 250 Millionen Euro Straf- und 39 Millionen Dollar Schadensersatzzahlungen standen zunächst im Raum. Richterin Suzanne Ramos Bolanos (54) hat den Strafbescheid inzwischen zwar auf insgesamt 78 Millionen Dollar herabgesetzt. Doch neu aufrollen wollte sie den Fall nicht, wie Bayer gefordert hatte.

So steht der Konzern am Beginn einer voraussichtlich langen Leidensphase. Die US-Klageindustrie wird nicht mehr von den Deutschen ablassen. Für die Jäger in Anwaltsroben ist Roundup ein Geschäft, das so groß werden kann wie der Kampf gegen Asbest oder die Zigarettenindustrie. Glyphosat ist das weltweit meistgenutzte Pestizid. Millionen Bauern versprühen es auf ihren Feldern. Monsanto hat einen globalen Marktanteil von 40 Prozent und erzielte damit im vergangenen Jahr 3,7 Milliarden Dollar Umsatz.

In Scharen marschieren die Anwälte großer und kleiner Kanzleien auf, darunter schräge Gestalten, wie sie sonst nur in den Romanen von John Grisham ("The King of Torts", "The Litigators") auftauchen. Mit Anzeigenkampagnen über lokale TV-Networks und das Internet kobern sie Mandanten. Einige Firmen haben sich gar darauf spezialisiert, Klagewillige nur einzusammeln, um sie gewinnbringend an die Kanzleien weiterzuverkaufen.

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