Sonntag, 11. Dezember 2016

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Kapitalflucht und Konjunktur in China Große Depression in Zeitlupe

Kapitalflucht: Alleine in 2015 dürften rund 1000 Milliarden US-Dollar das Land verlassen haben. Bei dem derzeitigen Tempo wären die ansehnlichen Devisenreserven des Landes in rund zweieinhalb Jahren verbraucht. Wird es dazu kommen oder wertet China den Yuan vorher drastisch ab?

Was für ein Jahresauftakt! Noch nie sind die Börsen so schlecht in ein Jahr gestartet wie 2016. Der sich abzeichnende Crash an den Finanzmärkten ist ein ernstes Warnsignal für die Weltwirtschaft. Und ein besserer Indikator als die Vorhersagen der Volkswirte von Notenbanken und IWF. Letztere haben wie der Harvard Ökonom Larry Summers genüsslich vorrechnete, in keinem der 220 untersuchten Fälle in denen einem Jahr mit Wachstum ein Jahr mit Rezession folgte, diese vorhergesehen. Damit droht ein Alptraum wahr zu werden. Denn noch nie war das wirtschaftspolitische Munitionslager so leer wie heute, die Zinsen so tief, die Schulden so hoch.

Als im Jahre 2008 die Weltwirtschaft kollabierte, verglichen die Ökonomen Barry Eichengreen und Kevin O'Rourke den Einbruch mit der großen Depression der 1930er Jahre. Das alarmierende Bild: bei jedem wichtigen Indikator wie Industrieproduktion, Welthandel und Aktienmärkte war der Absturz dramatischer als 80 Jahre zuvor.

Die Welt war auf dem Weg in eine neue große Depression. Diese hatte das Potential alles bisher gesehene in den Schatten zu stellen, waren doch die dahinter liegenden Ursachen von zu hoher Verschuldung, explodierenden Vermögenswerten und Fehlinvestitionen um ein Vielfaches größer als in den 1920er Jahren. Zudem war die Weltwirtschaft noch verknüpfter als damals, was die Schockwellen viel schneller um den Globus schickte.

Daniel Stelter
Bekanntlich kam es zu keiner neuen großen Depression - bis jetzt. Staaten und Notenbanken haben uns Zeit gekauft, indem sie massiv interveniert haben. Doch nun zeigt sich, dass es nicht genügt auf Zeit zu spielen. Wir müssten auch die Grundursachen bekämpfen. Doch statt dies zu tun, haben wir die Probleme noch größer gemacht.

Wie es scheint, brechen diese nun mit voller Wucht wieder aus und wir stehen vor der Fortsetzung der Depression, die wir nur unterdrückt, nicht geheilt haben.

Schulden mit noch mehr Schulden bekämpft

Die Ursache jeder Krise ist der vorangegangene Boom. Dabei fällt die Krise umso schärfer aus, je mehr Schulden gemacht wurden und je mehr falsche Investitionen mit diesem Geld getätigt wurden. 2009 war es vordergründig die Krise im amerikanischen Immobilienmarkt, wo mit zu vielen Schulden, zu viele Häuser gebaut und gehandelt wurden. In Wahrheit war es die Krise eines Systems, welches bereits seit Anfang der 1980er Jahre auf immer mehr Schulden angewiesen war, um stagnierende Einkommen und abnehmende Produktivitätsfortschritte zu kompensieren. Befördert von einem Geldsystem in dem Banken weitgehend unbegrenzt neues Geld schaffen können und Notenbanken nur zu bereitwillig bei jeder kleinen Krise die Zinsen gesenkt haben. Ein wahres Ponzi-Schema, das darauf beruht immer mehr Schulden zu generieren, um die bestehenden Schulden bedienbar zu halten.

Als das Ponzi-Schema 2009 zu kollabieren drohte, waren die Schulden der westlichen Welt schon zu hoch und die Fehlinvestitionen schon zu eklatant. Gut 90 Prozent der Kredite wurden dazu verwendet unproduktive Güter zu kaufen und an den Finanzmärkten zu spekulieren.

Chinas trauriger Schuldenrekord

Die Antwort von Regierungen und Notenbanken war eindeutig. Statt eine Bereinigung der faulen Schulden und der Überkapazitäten zuzulassen, wurde die Krise, die durch zu billiges Geld und zu viele Schulden ausgelöst wurde, durch noch billigeres Geld und noch mehr Schulden bekämpft. Praktisch überall liegt die Gesamtverschuldung von Staaten und Privaten über dem Niveau von 2007. Wie McKinsey schön vorrechnet, sind die Schulden der Welt zwischen 2007 und 2014 um 58 Billionen US-Dollar gestiegen, deutlich schneller als das Welt-BIP. Dabei haben Schulden immer weniger Wirkung auf die Realwirtschaft. Bewirkte ein US-Dollar neue Schulden in den 1960er Jahren noch rund 80 Cent mehr BIP, so sank der Wert auf 30 Cent in den 1990er Jahren und auf rund 10 Cent seit dem Jahr 2000.

Da braut sich was zusammen: Chinas Konjunktur- und Schuldenentwicklung sollte der Welt ein mahnendes Beispiel sein
Eine sicherlich nicht unbeabsichtigte Nebenwirkung der Politik der US-Notenbank Fed war ein deutlicher Anstieg der Verschuldung in den Schwellenländern. Der billige Dollar zwang viele Notenbanken zu Interventionen am Kapitalmarkt um die eigene Währung zu schwächen. Um dies zu tun, mussten sie eigene Währung schaffen um US-Dollar zu kaufen. In der Folge wuchs die Geld- und Kreditmenge deutlich an und die Wirtschaften boomten. Dies führte zu einer wahren Verschuldungsorgie wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich warnend vorrechnet.

Allen voran war bei dieser Entwicklung China, wie ich an dieser Stelle immer wieder beschrieben habe. China hat nicht nur eine Schuldenwirtschaft nach westlichem Vorbild betrieben, sondern selbst einen neuen historischen Rekord aufgestellt. Noch nie sind in so kurzer Zeit so viele neue Schulden gemacht worden. Immerhin 21 Billionen US-Dollar seit 2007, was deutlich über dem - in den Medien immer in den Vordergrund gestellten - Zuwachs des BIP um 5 Billionen US-Dollar liegt. Mindestens sechs Billionen US-Dollar sollen dabei in Fehlinvestitionen geflossen sein: Geisterstädte in denen niemand wohnt und Fabrikkapazitäten die niemand braucht.

Doch auch bei uns im Westen wurde das neue Geld mehrheitlich unproduktiv verwendet. Dazu genügt ein Blick auf die schwachen Wachstumsraten und die Preise für Vermögenswerte von Immobilien in London bis zu Aktien an der Wall Street. Die einzigen die sich über die Politik des billigen Geldes freuen konnten, waren die Besitzer von Vermögenswerten.

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