Dienstag, 19. Juni 2018

Kanzlerin Merkel in Peking Warum China schwächer ist, als wir glauben

Chinas Hochgeschwindigkeitszug CRH: Die Strategie "Made in China 2025" hinkt dem Zeitplan hinterher. In vielen Bereichen ist China noch immer auf Technologieimporte angewiesen

Der Fall des chinesischen Telekom-Unternehmens ZTE hat etwas gezeigt, was manche in Europe offenbar völlig vergessen haben: China ist nicht allmächtig - der Westen kann dem aufsteigenden Reich der Mitte durchaus etwas entgegensetzen.

Laut der staatlichen Industriestrategie "Made in China 2025" soll schon bis 2020 in zentralen High-Tech-Industrien der Anteil heimischer Komponenten zwischen 50 und 70 Prozent des nationalen Marktes ausmachen. Doch davon ist die Volksrepublik offensichtlich weit entfernt.

Kristin Shi-Kupfer
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    Kristin Shi-Kupfer leitet den Forschungsbereich Politik, Gesellschaft und Medien am Mercator Institut für China-Studien (MERICS). Sie analysiert aktuelle China-Themen mit Blick auf innerchinesische Dynamiken und Debatten.

Egal ob Chips, Triebwerke oder hochwertige Werkzeugmaschinen: In vielen Bereichen sei China zu bis zu 80 Prozent von ausländischen Technologieimporten abhängig, sagte der Wissenschaftler Zhao Gang vom Ministerium für Wissenschaft und Technologie vor Kurzem in einem Interview. Da wundert es nicht, dass Chinas Ministerpräsident Li Keqiang der Kanzlerin Angela Merkel bei ihrem Besuch in Peking versicherte, man strebe eine engere Kooperation im High-Tech-Bereich mit Deutschland an.

Nach den Gründen dieses Nicht-Auf-Kurs-Seins hat die bekannte chinesische Online-Nachrichtenplattform Netease den Wissenschaftler nicht direkt gefragt. Doch Zhao gibt zwei Hinweise: Chinas Unternehmen seien zu sehr auf schnelles Wachstum und Gewinn von Markanteilen aus. Deshalb würden sie auf Schlüsselkomponenten zurückgreifen, die schnell zu haben und verlässlich seien. Diese könnten in vielen Fällen nur wenige ausländische Lieferanten liefern. So wie auch bei ZTE.

Peking will zu viel zu schnell

Zhao ist nicht der einzige, der diese Schwäche der chinesischen Industrie offen benennt. Unmittelbar nach der ersten Ankündigung aus Washington bezüglich ZTE kritisierte die Kommission zur Kontrolle und Verwaltung von Staatsvermögen das Telekommunikationsunternehmen aus Shenzhen für schlechtes Management und kurzsichtige Profitgier.

Der bekannte Politkommentator Deng Yuwen ging noch weiter und sprach von "exzessivem Expansionismus" der chinesischen Regierung, mit dem sie sich nun ins eigene Fleisch schneide. Renommierte Professoren wie etwa Shi Yinhong von der Volksuniversität in Beijing warnen schon seit einem Jahr vor einer "strategischen Überdehnung" (strategic overdraft)".

Der bekannte Politologe Liu Feng, Forscher an der Nankai Universität in Tianjin, sprach gar von "strategischem Abenteurertum" einer aufstrebenden Macht. Direkter kann man die chinesische Regierung unter Xi Jinping in China kaum kritisieren. Peking will zu schnell zu viel - und ruft damit den Unmut anderer Länder auf den Plan.

Schwächen bei den vermeintlichen Stärken

Jenseits der Öffentlichkeit werden manche chinesische Experten auch noch deutlicher: Die Gründe dafür, dass die technologische Aufholjagd langsamer läuft als erhofft, liegen auch in den politischen Rahmenbedingungen. Forschungsgelder werden veruntreut, der Druck eines schwer kalkulierbaren Marktes und der unzureichende Schutz geistigen Eigentums lassen chinesische Firmen die notwendige, aber langwierige Grundlagenforschung vernachlässigen. Eigentlich produktive Misserfolge, sprich Fehlerkorrekturen, ja sogar Skandale werden verschwiegen. Zunehmende Datenleaks bei chinesischen Firmen rufen unter Nutzern Forderungen nach besserem Schutz auf den Plan. Es mangelt also genau an der Effektivität und Effizienz, die oftmals von chinesischen Offiziellen und von westlichen Bewunderern als Stärken des autoritären politischen Systems in China angeführt werden.

Was bedeutet dies für deutsche und europäische Politiker und Unternehmen?

Für manche Beobachter ist es trotz der geschilderten Hindernisse nur eine Frage der Zeit, bis China in vielen Technologien Weltspitze sein wird. Das heißt, Akteure in westlichen Industrieländern müssen jetzt handeln, um die aktuellen Schwächen der Volksrepublik zu nutzen. Vereinfacht gesagt: Der Westen muss selbstbewusster und standhafter agieren.

Politiker westlicher Industrieländer sollten Chinas Industriepolitik weder belächeln noch bestaunen. Von der chinesischen Entschlossenheit, visionäre Ziele zu verfolgen und große Investitionen zu tätigen, kann man hierzulande lernen - und sie mit den systemischen Vorteilen liberaler Demokratien, nämlich Rechtstaatlichkeit, mehr Transparenz und unabhängige Qualitätskontrolle veredeln. Das ist, wie gesagt, auch manchen chinesischen Beobachtern ein Anliegen.

Kanzlerin Merkel in Peking: Peking will zu schnell zu viel - und ruft damit den Unmut anderer Länder auf den Plan
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Kanzlerin Merkel in Peking: Peking will zu schnell zu viel - und ruft damit den Unmut anderer Länder auf den Plan

Die Abhängigkeit ist gegenseitig

Westliche Unternehmen sollten sich - je nach Branche und Produkt - nicht nur der eigenen Abhängigkeiten bewusst sein, sondern auch die ihres Gegenübers in China erkennen. Klar, nicht jeder hat die gleiche Marktmacht wie ein US-Chiphersteller. Dennoch hat jeder Akteur eine Wahl, Augenhöhe einzufordern und Bedingungen zu formulieren. Sofortige öffentliche Unterwürfigkeit, wie es diverse Unternehmen in Bezug auf eine "fehlerhafte Karte" der Volksrepublik ohne das von Beijing als abtrünnige Provinz erachtete Taiwan oder ein gepostetes Dalai-Lama-Zitat an den Tag legten, ist nicht nur unnötig, sondern kontraproduktiv. Denn stark sind chinesische Autoritäten ohne Zweifel darin, Schwächen zu wittern und auszunutzen: Wenn man ausländische Unternehmen so leicht zum Kniefall bringt, warum dann nicht noch ein zweites oder drittes Mal?

Ebenso gilt: Wenn ausländische Politiker und China-Beobachter - bei aller notwendiger Selbstkritik - nicht mehr bereit und in der Lage sind, die Stärken demokratischer Systeme auch gegenüber den Chinesen klar darzustellen, vergeben sie gleich zwei Chancen: die Zukunft hier und in China transparenter und damit nachhaltiger zu gestalten.

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