Sonntag, 16. Dezember 2018

Vor der Türkei-Wahl Was Erdogan der Welt zu sagen hat

Türkei vor der Wahl: Mit Recep Tayyip Erdogan naht die nächste Schuldenkrise

Starke Männer wie der türkische Präsident präsentieren sich gern als Alternative zum schwachen Westen. Doch inzwischen zeigt sich: Sie sind keinen Deut besser. Die nächste Schuldenkrise steht bevor.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Ach, wer braucht schon noch die Demokratie? Gibt der Westen nicht ein jämmerliches Bild ab? In Amerika wütet Donald Trump, die G7 scheinen am Ende, die EU ist von Zerfall bedroht, Großbritannien gelähmt, sogar Deutschland droht eine Regierungskrise (achten Sie diese Woche auf den Fortgang des CDU/CSU-Streits um die Zuwanderungspolitik) - überall Getöse, Wut, Zerstörung.

Während sich der Westen selbst zerlegt, präsentieren sich auf der anderen Seite Autokraten glänzend: Ordnung, Stärke, Wohlstand. Was stören mag, findet in den schönen Bildern des Staatsfernsehens nicht statt. Medien, Opposition und Justiz sind unter Kontrolle. Wie gesagt: Wer braucht schon noch die Demokratie?

Das wichtigste Argument, das die Nicht-Demokraten in aller Welt in den vergangenen zehn Jahren für sich ins Feld führen konnten, war ihr wirtschaftlicher Erfolg. Die großen illiberalen Schwellenländer wurden zu Motoren der Weltwirtschaft, als der Westen nach der Finanzkrise 2008 jahrelang darniederlag. China, Russland, die Türkei - es ging aufwärts, scheinbar ungebremst, auf jeden Fall auftrumpfend.

Die alte Gleichung, wonach ohne Freiheit auf Dauer kein Wohlstand zu erreichen sei - und umgekehrt -, schien nicht mehr zu gelten. Während große Teile des Westens in zügelloser Schuldenwirtschaft und Zockerei zu versinken schienen, beeindruckten viele Autokratien mit Aufbruch und Dynamik.

Doch inzwischen zeigt sich: Sie sind keinen Deut besser. Die nächste Schuldenkrise steht bevor.

Der Fall China: einsamer Rekord bei der Verschuldung

Es gibt zwei besonders krasse Fälle: Der eine ist China, der andere die Türkei, wo sich am kommenden Sonntag Präsident Recep Tayyip Erdogan zum Quasi-Alleinherrscher der Türkei wählen lassen will.

Es sieht so aus, als ob sich die jüngste Wirtschaftsgeschichte wiederhole. Die türkische Lira ist im freien Fall. Die Wirtschaft verschuldet sich, bis es knallt. Dann muss der Staat einspringen. Mit ungewissem Ausgang. So war es in vielen westlichen Ländern in den Nullerjahren. Nun droht vielen Schwellenländern ein ähnliches Debakel.

In China sind die Verbindlichkeiten der Unternehmen seit 2008 um zwei Drittel gestiegen. In keinem Land der Erde ist die Wirtschaft so hoch verschuldet: mit einer Gesamtsumme von sagenhaften 18,9 Billionen Dollar. Das entspricht mehr als 160 Prozent der Wirtschaftsleistung, wie das McKinsey Global Institute (MGI), der Thinktank der gleichnamigen Unternehmensberatung, in einer aktuellen Studie vorrechnet. (Zum Vergleich: In Deutschland liegen die Firmenschulden bei 54 Prozent der Wirtschaftsleistung.)

Aber China hat große Währungsreserven und einen außenwirtschaftlichen Überschuss. Die Regierung lässt inzwischen mehr und mehr Unternehmen Pleite gehen. Ein Balanceakt, denn diese Form des Schuldenabbaus wird nicht nur den Finanzsektor unter Stress setzen, sondern auch das Wachstum in den kommenden Jahren weiter bremsen. Rapide Wohlstandszuwächse gehören der Vergangenheit an.

Der Fall Türkei: das Misstrauen der Welt

In der Türkei ist die Lage ungleich schwieriger. Auch dort sind die Schulden der Unternehmen stark gestiegen, auf mehr als eine halbe Billion Dollar, oder knapp 70 Prozent der Wirtschaftsleistung. Aber Erdogans Türkei lebt von im Ausland gepumptem Geld. Es ist auf kurzfristige Kapitalzufuhr angewiesen. Bleibt die aus, drohen reihenweise Pleiten.

Wie fragil die Lage ist, hat sich in den vergangenen Monaten gezeigt. Der Verfall der türkischen Lira ist ein Zeichen des Misstrauens, das internationale Kapitalgeber inzwischen dem wirtschaftspolitischen Kurs Erdogans entgegenbringen.

Das war nicht immer so. Über viele Jahre seiner Regierungsführung war Erdogan überaus erfolgreich. Die Wohlstandszuwächse, die seine Politik dem Land im vorigen Jahrzehnt beschert hat, waren beeindruckend. Doch in den vergangenen Jahren hat seine Regierung die Wirtschaft immer weiter aufgepumpt: mit billigem Geld. Die Notenbank hält die Zinsen niedrig, die Banken wurden zur Kreditvergabe geradezu ermuntert. Seit dem Putschversuch von 2016 hat die Regierung auch die Staatsausgaben ausgeweitet.

Die Folge ist ein konjunkturelles Strohfeuer: Die Wirtschaft wächst rasch. Die Inflation ist hoch (11 Prozent). Und die Schulden steigen weiter. Nachhaltig ist das nicht.

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