Sonntag, 18. Februar 2018

Vermögensverteilung in Deutschland "Wir sollten uns vor Neiddebatten hüten"

Arm und reich: In Deutschland besitzen die 45 reichsten Sippen ebenso viel wie die ärmere Hälfte der deutschen Bevölkerung
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Arm und reich: In Deutschland besitzen die 45 reichsten Sippen ebenso viel wie die ärmere Hälfte der deutschen Bevölkerung

mmo: Seit vielen Jahren sammeln Sie Daten über die Vermögensverteilung im Land und werten sie aus. Was nützt Ihnen die Berücksichtigung von Reichenlisten wie der von manager magazin?

Stefan Bach: "Für den Mittelstand sind die Möglichkeiten, Vermögen zu bilden, begrenzt"

Stefan Bach: Die bisher üblichen Erhebungen zum Privatvermögen wie im Rahmen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) sowie inzwischen auch durch Bundesbank und Euro-Zentralbanken unterschätzen die hohen Vermögen deutlich. Das liegt daran, dass die Stichproben meist zu klein sind und die Vermögenden an entsprechende Befragungen nur selten teilnehmen. Gerade in Deutschland ist dieser Effekt sehr ausgeprägt, wie unsere Studie zeigt. Deshalb haben wir die Reichenlisten aus dem manager magazin hinzugezogen, um unsere Schätzungen zu verbessern.

mmo: In einer Studie des DIW kommen Sie unter anderem zu dem Ergebnis, dass die 45 reichsten Sippen in Deutschland mit einem Vermögen von rund 214 Milliarden Euro ebenso viel besitzen wie die ärmere Hälfte der deutschen Bevölkerung. Warum wollen Sie denn überhaupt mehr wissen über große Vermögen?

Bach: Die Diskussion über die tatsächliche oder vermeintliche Polarisierung der Einkommens- und Vermögensverteilung in den westlichen Gesellschaften polarisiert sich selbst mehr und mehr, auch hierzulande. Valide Daten können helfen, sie zu versachlichen.

mmo: Werden denn die Reichen wirklich immer reicher?

Bach: Wir gehen davon aus, dass die Topvermögen zuletzt stärker gestiegen sind als die anderen. Denn während etwa Immobilien und Unternehmensvermögen deutlich an Wert gewonnen haben, wachsen etwa Sparguthaben und die Werte von Lebensversicherungen der Mittelschichten kaum durch die Niedrigstzinsen. Die Vermögen in der Mitte wachsen also tendenziell langsamer oder gar nicht mehr, während die Hochvermögenden von der Vermögenspreisinflation profitieren.

mmo: In Spanien und Frankreich ist die Vermögenskonzentration Ihren Ergebnissen zufolge geringer als in Deutschland. Wie erklären Sie sich das?

Bach: Erster und wichtigster Grund: Im internationalen Vergleich haben die Deutschen Privathaushalte ein ziemlich geringeres Vermögen, weil sie weniger Immobilien besitzen. Hierzulande beträgt die Wohneigentumsquote, also der Anteil der Bürger, die im eigenem Haus oder Wohnung wohnen, nur etwa 52 Prozent. In Spanien etwa sind es 78 Prozent und in Frankreich 65 Prozent.

mmo: Und warum sind die Deutschen solche Immobilienmuffel?

Bach: Das hat vor allem historische Gründe. Seit den 1920er-Jahren hat Deutschland pro Jahr etwa ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts in den Wohnungsbau gesteckt. Deshalb gab und gibt es ein gutes Angebot an Mietwohnungen in den Ballungszentren, und die Mieten waren vergleichsweise moderat. Es gab für viele Menschen schlicht keine Notwendigkeit, in eigene Immobilien zu investieren. Erst in den vergangenen 20 Jahren sind die öffentlichen Investitionen im Wohnungsbau heruntergefahren worden.

mmo: Und zweitens?

Bach: Zweitens haben wir immer noch ein gut ausgebautes soziales Sicherungssystem, insbesondere in der Alterssicherung, vor allem für Mittelschicht und Besserverdiener. Deshalb müssen viele Deutsche für den Ruhestand weniger Privatvermögen bilden. Und das ist für sie im internationalen Vergleich auch schwerer, denn hierzulande sind Steuern und Abgaben für die Mittelschichten recht hoch. Das begrenzt die Möglichkeiten zur Vermögensbildung.

mmo: Wann wird Vermögenskonzentration gefährlich für eine Volkswirtschaft?

Bach: In Deutschland ist das noch nicht so dramatisch. Denn die Reichenliste vom manager magazin zeigt ja, dass besonders im "German Mittelstand" große Vermögen existieren. Diese Unternehmer sind meistens "gute Kapitalisten", die Arbeitsplätze schaffen, ihrer Region die Treue halten, ihr Geld in das Unternehmen stecken und so das Rückgrat der deutschen Wirtschaft darstellen.

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Das ist ein Standortvorteil, solange das "trickle down" noch funktioniert, also die Unternehmer auch investieren und ihre Leute halten und ordentlich bezahlen. Da soll man sich vor unproduktiven Sozialneiddebatten hüten.

mmo: Aber sie beklagen auch, in Deutschland hätten Reiche zu viel politischen Einfluss. Woran machen Sie das fest?

Bach: Auch bei uns gibt es ja unschöne Entwicklungen des Manager- und Finanzmarktkapitalismus. Und Vermögende verteidigen natürlich ihre Privilegien - hierzulande etwa die niedrige Besteuerung von Erbschaften, keine Vermögensteuer oder niedrige Spitzensteuersätze. Hier muss man aufmerksam bleiben und Tendenzen zu einer Oligarchisierung und Refeudalisieurng vorbauen. Dazu muss man eben auch wissen, wie sich die Einkommens- und Vermögenskonzentration an der Spitze entwickelt.

Stefan Bach ist Steuerexperte und Verteilungsforscher am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

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