Sonntag, 18. November 2018

Kreativ in der Krise Wie die türkische Notenbank Erdogans Zins-Veto umgeht

Recep Tayip Erdogan ist gegen Zinserhöhungen. Also nutzte die türkische Notenbank einen Trick, um die Zinsen gegenüber Geschäftsbanken anzuheben

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan ist ein lautstark erklärter Feind hoher Zinsen. Kein Wunder, dass die Notenbank in Ankara es selbst auf dem Höhepunkt der Lirakrise diese Woche nicht wagte, zum Notfallmittel einer Zinserhöhung zu greifen - offiziell jedenfalls. Aber wie kam es wirklich zur jüngsten Beruhigung der Lage?

Stabilisierung nach dem Kurssturz: Nachdem der Wert der Lira von Freitag bis Montag im Verhältnis zum Dollar und Euro um mehr als ein Fünftel abgestürzt war, wurden diese Verluste zuletzt zum größten Teil wieder ausgeglichen. Finanzminister Berat Albayrak warb inmitten der fortgesetzten politischen Auseinandersetzung der Türkei mit den USA um Vertrauen.

Auch die Notenbank wurde aktiv. Sie verringerte die Reserve-Anforderungen an bestimmte Währungsgeschäfte und bot heimischen Banken zusätzliche Refinanzierungsgeschäfte sowie Möglichkeiten zum Leihen von Fremdwährungen an. Alles das waren typische Schritte, um kurzfristige Liquiditätsengpässe und somit eine Bankenkrise zu vermeiden.

Doch eine Möglichkeit, das Problem der hohen Inflation und des Wertverfalls der Lira tiefgreifender anzugehen, haben die Notenbanker scheinbar ausgespart: die Zinserhöhung. Unter normalen Umständen wäre sie naheliegend, denn höhere Zinsen halten Anleger tendenziell davon ab, ihr Geld abzuziehen und stärken die heimische Währung. So haben etwa Argentinien und Indonesien diese Woche bereits mit Zinsanhebungen reagiert, nachdem die Lira-Krise auch ihre ohnehin schon angeschlagenen Währungen weiter mit nach unten gerissen hatte.

Erdogan wettert gegen Zinslobby - und stellt Konjunkturlehre auf den Kopf

Doch in der Türkei ist alles anders. Denn Erdogan wettert seit langem gegen eine ominöse "Zinslobby" mit "westlicher Geisteshaltung", die sich auf Kosten der Türkei bereichern möchte. Die gängige Konjunkturlehre stellt er auf den Kopf: Hohe Zinsen hält er nicht für ein Mittel gegen Inflation, sondern als deren Treiber.

Mitte Juli untermauerte Erdogan zudem seinen Machtanspruch gegenüber der Notenbank mit einem Dekret, dass ihn künftig ermächtigt, deren Präsidenten und den Vizepräsidenten zu ernennen - Kritiker fürchten um die Unabhängigkeit.

Die Finte der Notenbank - Banken müssen auf Übernachtzins ausweichen

In dieser Gemengelage haben die Währungshüter im Zuge der Lira-Krise zu einer Finte gegriffen. Statt eine Zinsanhebung offiziell bekannt zu geben, haben sie seit Montag den Geschäftsbanken einwöchiges Zentralbankgeld gemäß dem Hauptleitzinssatz von 17,75 Prozent einfach nicht mehr angeboten. Daher mussten die Geschäftsbanken auf den sogenannten Übernachtzins ausweichen, der mit 19,25 Prozent höher ist als der Hauptleitzins.

Erkin Isik, Stratege bei der in Istanbul ansässigen Bank Turk Ekonomi Bankasi, begrüßt, dass die Notenbank letztlich doch noch über ihre Zinspolitik auf die Währungsschwäche reagiert habe. Er geht davon aus, dass sie diese Strategie fortsetzen werde, bis sich die Situation wieder beruhige.

ie Notenbank habe sogar noch ein weiteres Ass im Ärmel: Würde sie die Banken auf den sogenannten Spätausleihungssatz vertrösten, den höchsten der drei Leitzinssätze, wären sogar 20,75 Prozent zu zahlen - ohne dass eine offizielle Zinsanhebung erfolgen müsste.

Das Geheimnis Erdogans bleibt, ob ihn diese Strategie - sofern er im Detail von ihr weiß - eher ärgert oder freut. Einerseits untergräbt sie auf subversive Weise seine im populistischen Ton vorgetragenen Forderungen. Andererseits gibt sie die Möglichkeit, das Nötige zur Bekämpfung der Lira-Krise zu tun, ohne dass der Staatschef dabei öffentlich Fehler oder Schwäche einräumen muss.

Von Tobias Schmidt, dpa-AFX

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