Sonntag, 18. November 2018

Lira-Crash Erdogan und der globale Finanzkapitalismus

Türkischer Präsident Erdogan: Mit Volldampf in die Krise
AP/ Presidential Press Service
Türkischer Präsident Erdogan: Mit Volldampf in die Krise

Die Türkei ist ein besonders krasses Beispiel für die globale Schuldenmanie, die nach der Finanzkrise auf die Schwellenländer übergesprungen ist. Die Risiken waren bekannt, die Warnungen nicht zu überhören. Aber all das hat nichts genützt.

Die Story ist schnell erzählt. Zwei selbsternannte starke Männer verstricken sich in einen Streit. Keiner der beiden will nachgeben. Der eine, US-Präsident Donald Trump, verhängt Sanktionen gegen ein Land, mit dem Amerika seit sieben Jahrzehnten eine strategische Partnerschaft in der Nato pflegt.

Der andere, der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan, ruft sein Volk zur patriotischen Tat, um eine akute Wirtschafts- und Währungskrise abzuwenden: Kauft keine iPhones, tauscht eure Dollars in Lira! Und er begibt sich auf die Suche nach neuen Partnern.

Das Ende dieser Geschichte ist noch nicht geschrieben. Aber es ist möglich, dass die Schäden groß und dauerhaft sein werden - für die türkische Bevölkerung, aber auch für die geopolitische Rolle der USA und die Sicherheit Europas.

Die Story von den zwei alten, sturen Männern ist nicht falsch. Aber sie verdeckt andere, tiefergehende Zusammenhänge. Denn in der Wirtschaftskrise am Bosporus zeigen sich auch grundlegende Unzulänglichkeiten des globalen Finanzkapitalismus.

Es stimmt schon: Ausgelöst wurde die derzeitige Zuspitzung - der rapide Verfall der Währung, der sprunghafte Anstieg der Inflation - durch den Konflikt zweier nationalpopulistischer Führungsfiguren. Doch die eigentlichen Ursachen liegen tiefer. Die Probleme der Türkei sind, so gesehen, kein Einzelfall, sondern ein Symptom.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Die aktuelle Krise wirft zwei große Fragen auf: Wie kann es eigentlich sein, dass die türkische Volkswirtschaft über Jahre immer höhere Schulden aufgetürmt hat? Und: Warum waren internationale Investoren überhaupt bereit, diese gigantischen Summen zu verleihen?

Angst vor der Pleitewelle

Dass Grundlegendes schiefläuft, ist seit Jahren bekannt. Bereits im Sommer 2013 war es zu einem Ausverkauf an den Börsen diverser Schwellenländer gekommen. Auslöser war damals die Ankündigung der US-Notenbank Fed gewesen, allmählich den Krisenmodus zu verlassen und weniger Geld in die Märkte zu pumpen.

Die Aussicht auf steigende US-Zinsen schürte die Angst vor einer Pleitewelle in den Schwellenländern. Die Fed stellte daraufhin zunächst ihre Pläne zurück.

Im Sommer 2014 warnte dann die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel erneut vor dem rapiden Schuldenaufbau in den Schwellenländern. Und es waren nicht die Staaten oder die Privatbürger, die in großem Stil Kredite aufnahmen, sondern die Unternehmen. Schon damals warnte die BIZ insbesondere vor der Entwicklung in der Türkei.

Risikoreich war nicht nur die Höhe der Schulden, sondern auch ihre Zusammensetzung. Weil in den USA, der Eurozone, Japan und anderen reichen Ländern die Zinsen extrem niedrig waren - die großen Notenbanken pumpten massiv Geld in die Märkte, und sie tun dies zum Teil bis heute -, liehen sich Unternehmen Dollars und Euros.

Mehr als 90 Prozent der internationalen Anleihen und mehr als 80 Prozent der internationalen Bankkredite, die an Unternehmen in den Schwellenländern vergeben worden waren, lauteten auf ausländische Währung, so die BIZ im Jahr 2014.

Firmen liehen sich Geld in Dollar oder Euro. Ihre Einnahmen jedoch bezogen sie überwiegend in heimischer Währung. Ein Vabanque-Spiel: Im Falle einer Abwertung würde es für hochverschuldete Unternehmen erheblich teurer, ihre Fremdwährungsschulden zu bedienen. Auch an neue Kredite zu kommen, würde schwieriger und kostspieliger - spätere Pleiten nicht ausgeschlossen.

Die Risiken waren bekannt, die Warnungen nicht zu überhören. Dennoch ging das Schuldenspiel immer weiter.

Die Folgen sind ziemlich dramatisch. Seit 2008 hat sich das Volumen der Dollar-Kredite, die an die Schwellenländer vergeben wurden, mehr als verdoppelt: auf inzwischen sagenhafte 3,6 Billionen.

Mancher Schuldner droht nun in der Schuldenfalle steckenzubleiben. Denn der Dollar ist in den vergangenen Monaten deutlich stärker geworden. Und weil die US-Zinsen steigen, werden Anschlussfinanzierungen tendenziell noch teurer - falls sie überhaupt zu bekommen sind.

Angewiesen auf ausländisches Geld

Wie gesagt, die Türkei ist kein Einzelfall, aber ein besonders krasses Beispiel für die globale Schuldenmanie, die nach der Finanzkrise von 2008 von den westlichen Volkswirtschaften auf die Schwellenländer übersprang.

Nach Zahlen des Internationalen Währungsfonds (IWF) vergaben türkische Banken über Jahre deutlich mehr Kredite in Fremdwährung als in Lira. Dazu kommen Fremdwährungsanleihen türkischer Schuldner. Insgesamt lautet ein Viertel der ausstehenden Verbindlichkeiten auf Euro, Dollar und Yen, so die OECD.

Die rapide Abwertung der Lira ist vor allem deshalb so brisant, weil die Türkei auf ständige Mittelzuflüsse aus dem Ausland angewiesen ist: In der Leistungsbilanz klafft ein Loch von fünf Prozent der Wirtschaftsleistung. Die Inflation steigt, was die Währung weiter unter Druck setzt und die Lage weiter verschlechtert. Betroffen sind auch Banken in der Eurozone, die womöglich einen Teil ihrer Türkei-Forderungen abschreiben müssen.

Andere Länder wie Indien, Brasilien oder Südafrika drohen in den Strudel des Misstrauens mitgezogen werden, auch wenn die Bedingungen dort deutlich besser sind.

Am Ende steht die Frage: Wer ist eigentlich schuld?

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