Montag, 24. September 2018

45 Kilometer langes Milliardenprojekt Erdogan will "Panama-Kanal" neben dem Bosporus

Istanbul: Die Stadt ist geprägt vom Bosporus. Die Meerenge verbindet Schwarzes Meer und Marmarameer zwischen Europa und Asien.

Noch grasen nahe dem Küstenort Karaburun bei Istanbul Wasserbüffel auf den Wiesen, doch wenn Recep Tayyip Erdogan kommende Woche als Präsident der Türkei wiedergewählt wird, ist diese Idylle bedroht. Der Staatschef wirbt im Wahlkampf für den Bau eines riesigen Schifffahrtskanals zwischen dem Schwarzen Meer und dem Marmara-Meer, um den Bosporus zu entlasten. Doch Umweltschützer sind entsetzt, und auch viele Anwohner teilen nicht seinen Enthusiasmus für das riesige Inftrastrukturprojekt.

"Es werden keine Tiere oder Wiesen mehr bleiben, wenn der Kanal hier entlang verläuft", sagt der Hirte Halit Özyigit, während er nahe Karaburun über seine Wasserbüffel wacht. "Alle werden tot sein, die Viehzucht wird tot sein", sagt der 64-Jährige, der seit Kindertagen in der Region nordwestlich von Istanbul seine Tiere hütet, wo der 45 Kilometer lange Schifffahrtskanal einmal ins Schwarze Meer münden soll.

Auch Pelin Pinar Giritlioglu von der Istanbuler Kammer für Stadtplanung sieht eine ernste Bedrohung der Landwirtschaft. Der riesige Kanal würde die Wasserversorgung der Stadt gefährden und eines der letzten Waldgebiete bei Istanbul von der Größe von 20.000 Fußballfeldern zerstören, warnt die Expertin. Ohnehin gibt es kaum noch Grünflächen in der Bosporus-Metropole, deren Einwohnerzahl seit 1945 von etwa 1,5 auf 15 Millionen explodiert ist.

Erdogan hat im Wahlkampf zwar angekündigt, den Istanbuler Atatürk-Flughafen zu einem Volkspark umzuwandeln, doch kann dies Kritiker nicht besänftigen. "Wir sehen dies nicht einfach als Kanalprojekt, sondern eher als Versuch, neue Flächen für Immobilien zu erschließen", sagt Nuray Colak von der Aktivistengruppe Kuzey Ormanlari (Nordwälder). Das Projekt komme einem "Umweltmassaker" gleich.

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Seit seinem Amtsantritt vor 15 Jahren hat Erdogan die Infrastruktur in der Türkei stark ausgebaut. Allein in Istanbul wurden eine neue Bosporus-Brücke errichtet sowie Bahn- und Straßentunnel unter der Meerenge zwischen Europa und Asien gegraben. Derzeit wird nahe der geplanten Mündung des Kanals am Schwarzen Meer ein riesiger neuer Flughafen errichtet. Der "Kanal Istanbul" ist aber das bisher ehrgeizigste Projekt Erdogans.

Im Wahlkampf wirbt Erdogan damit, dass die neue Wasserstraße mit dem Suez- oder dem Panama-Kanal vergleichbar sein werde. Der Kanal soll den Bosporus entlasten, der eine der geschäftigsten Seestraßen der Welt ist und auf dem es immer wieder zu Schiffsunglücken kommt. Mit einer Kapazität von 160 Schiffen pro Tag würde der neue Kanal auch die Wartezeiten für Schiffe reduzieren, die oft tagelang vor Istanbul ausharren müssen.

Umweltschützer warnen allerdings, dass die verstärkte Wasserzufuhr aus dem Schwarzen Meer das fragile Ökosystem im Marmara-Meer schädigen werde. Ökonomen fragen zudem, ob der milliardenteure Kanal jemals die immensen Baukosten wieder einspielen kann, wenn Schiffe umsonst den Bosporus benutzen können. Auch sicherheitspolitisch hätte das Projekt Konsequenzen, da es Istanbul zur Insel machen würde.

Der Oppositionskandidat Muharrem Ince von der CHP hat das Projekt "Kanal Istanbul" als Milliardengrab bezeichnet und angekündigt, es im Fall eines Siegs bei der Präsidentschaftswahl am 24. Juni einzustampfen. "Ich werde keine Milliarde Dollar dieses Landes ausgeben, um einen Kanal zu graben. Nichts für Ungut, aber das kommt nicht in Frage!", sagte der CHP-Kandidat kürzlich bei einer Wahlkampfveranstaltung.

Nicht alle sehen aber das Projekt so kritisch. Entlang der geplanten Kanalstrecke mehren sich Kaufangebote für Land, und Immobilienprojekte mit Blick aufs Wasser schießen aus dem Boden. "Mein Land hier war früher nichts wert, doch nun bringt es zwei oder drei Mal so viel", freut sich etwa der 76-Jährige Osman Kaptan. "Einige Gebiete werden zerstört werden, aber neue werden entstehen." Am Ende würden "alle gewinnen".

afp/mh

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