Sonntag, 25. September 2016

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Neues Wirtschaftsbuch "Kapital im 21. Jahrhundert" schreckt Ökonomen auf

Luxusfreunde unter sich: Die offizielle Statistik blendet die obersten 0,1 Prozent aus

Erleben wir eine Rückkehr der Belle Epoque, in der die Superreichen den Rest der Gesellschaft abhängen? Der Pariser Ökonom Thomas Piketty hat "Das Kapital" neu geschrieben, mit umfangreichem Datenmaterial. Prominente Kollegen feiern sein Buch als epochales Werk.

Hamburg - Über dieses Buch wird wohl noch länger zu diskutieren sein. Der Titel erinnert nicht zufällig an "Das Kapital" von Karl Marx. Der Ansatz ist zwar ein völlig anderer, aber auch der junge Ökonom Thomas Piketty von der Ecole économique de Paris wagt sich an eine Theorie der selbstzerstörerischen Kraft des Kapitalismus. Er stützt sich auf die wohl größte und systematischste Sammlung von Daten über die Verteilung von Vermögen und Einkommen im Verlauf der Jahrhunderte und im Vergleich mehrerer Länder.

"Kapital im 21. Jahrhundert" ist bereits im vergangenen Jahr auf französisch erschienen. Nun liegt die englische Übersetzung vor, und vor allem in den USA trifft das Werk offenbar einen Nerv. Im Netz startet eine lebhafte Debatte.

Für Wirtschaftsblogger Matt Yglesias vom neu gestarteten Portal "Vox" ist Pikettys Buch "das wichtigste Wirtschaftsbuch des Jahres, wenn nicht des Jahrzehnts". Nobelpreisträger Paul Krugman, der sich selbst zunehmend dem Thema Ungleichheit als zentralem ökonomischem Problem widmen will, hat für die Mai-Ausgabe der "New York Review of Books" eine fast überschwängliche Kritik - mit einigen kritischen Anmerkungen - geschrieben.

"Dieses Buch wird sowohl unsere Art, über die Gesellschaft zu denken, als auch unsere ökonomischen Methoden ändern", heißt es darin. Piketty lege erstmals schlüssig dar, wie die Gesellschaft mit dem Aufstieg weniger Superreicher zur Struktur der Belle Epoque oder des amerikanischen Gilded Age, das mit Namen wie Rockefeller oder Vanderbilt verbunden ist, zurückkehre.

Die Zukunft gehört den Erben

Dass Verteilungsfragen, und dann noch von Vermögen statt nur Einkommen, überhaupt als relevantes Thema in der Disziplin gelten, war nicht immer so. Pikettys Beitrag zur Debatte beruht - unabhängig vom Gehalt seiner Theorie - vor allem darauf, mit neuen statistischen Methoden umfangreiche Daten zugänglich zu machen.

Denn bisherige Zahlenwerke geben zwar Auskunft über die Verteilung des Reichtums, aber selbst große Erhebungen wie das Sozio-oekonomische Panel des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung müssen die kleine Elite der Reichsten ausklammern. Über deren Anteil am Wohlstand lassen sich höchstens Anekdoten aus Milliardärsranking wie dem von "Forbes" oder der von manager magazin jährlich veröffentliche Liste der reichsten Deutschen ziehen.

Piketty aber hat Daten der Steuerverwaltung, die vor allem in Frankreich bis ins 18. Jahrhundert gut erhalten sind, mit anderen Statistiken kombiniert. Daraus lassen sich allerlei Informationen ziehen. "Vox" hat einige Charts ausgewählt.

Sie zeigen beispielsweise, wie Asiens Anteil an der Weltwirtschaft trotz des beeindruckenden Aufstiegs noch immer nicht das Niveau vor der industriellen Revolution erreicht. Oder dass selbst in Deutschland die Rolle von Immobilien im Vergleich zum industriellen Produktivvermögen wächst. Und dass die Macht von Aktionären hier deutlich geringer ist als in anderen Industrieländern.

Die Kernaussage aber ist, dass seit einigen Jahrzehnten die Vermögen in allen Industrieländern deutlich stärker wachsen als die Einkommen und zudem noch erheblich stärker konzentriert sind. In den USA beziehen die reichsten 0,1 Prozent der Bevölkerung den Großteil ihres Einkommens aus Kapitaleinkünften. Und genau in dieser winzigen Fraktion sieht Piketty die treibende gesellschaftliche Kraft.

Die Zukunft gehöre denjenigen, die erben - nicht denjenigen, die Wohlstand erschaffen. Diese Tendenz des Kapitalismus sei im 20. Jahrhundert nur zeitweise durch die Vernichtung von Kapital in zwei Weltkriegen und die im anschließenden Wiederaufbau steigenden Einkommen unterbrochen worden. Piketty Antwort darauf ist ein Ruf nach hohen Vermögensteuern. Auch darüber wird noch zu diskutieren sein.

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