Mittwoch, 28. Juni 2017

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San Francisco zahlt Mietbeihilfe bei sechstelligem Einkommen Geringverdiener mit 100.000 Dollar im Jahr

Verkehrte Welt: Über und auch in San Francisco hat der Wettbewerb der Tech-Riesen skurille Folgen

Nicht nur die Produkte des Silicon Valleys treiben irrsinnige Blüten. Auch die sozioökonomischen Folgen des Tech-Booms erscheinen bizarr. Eine vierköpfige Familie, die 105.350 Dollar im Jahr verdient, gilt in San Francisco nun offziell als "Geringverdiener" - und erfüllt damit eine Bedingung für staatliche Mietbeihilfe. Das ergeben die neu ermittelten Einkommensgrenzen des Wohnungsbauministeriums, die das Portal "Vox" ausgewertet hat.

Die Zahl ist nicht aus der Luft gegriffen. Sie entspricht 80 Prozent des Median-Einkommens, das die ärmere von der reicheren Hälfte der Bevölkerung trennt. Unter der 50-Prozent-Linie (in San Francisco: 65.800 Dollar) beginnt nach der US-Definition "sehr geringe Einkommen", und 30 Prozent (San Francisco: 39.500 Dollar) markieren "extrem geringe Einkommen". Diese Definitionen sind wichtig für andere Hilfsprogramme wie die Vergabe von Sozialwohnungen.

In San Francisco sind sechsstellige Verdienste einfach normal - auch wenn der U-Bahn-Wärter, der dank exorbitanter Überstunden auf 235.000 Dollar kommt, sogar hier eine Ausnahmestellung genießt.

Die Summen wirken in anderen Teilen Amerikas wie von einem anderen Stern. In weiten Teilen des Mississippi-Deltas haben Familien mit Einnahmen von 40.000 Dollar keine Chance, als bedürftig zu gelten. Auch in Modesto im kalifornischen Central Valley, knapp 100 Meilen von San Francisco entfernt, gelten Vier-Personen-Haushalte ab 47.900 Dollar nicht mehr als Geringverdiener.

Auch in New York leben Banker in Sozialwohnungen

Wer dort wohnt, nimmt oft stundenlange Pendelwege zum Arbeiten in die Metropole in Kauf - weil die dortigen Lebenshaltungskosten schlicht zu hoch sind. Laut der Online-Börse Zillow kostet eine mittlere Immobilie in der Stadt San Francisco 1,17 Millionen Dollar. Mieten ist mit durchschnittlich 4310 Dollar pro Monat auch nicht für jeden eine Alternative.

Aus dem nahen Silicon Valley kommen schon Hilferufe von Lokalpolitikern: Eine Familie zu gründen, sei für ein Doppelverdiener-Paar (sie Anwältin, er Software-Ingenieur) in Palo Alto nicht zu bezahlen. Die Neubauten kommen der rasch steigenden Nachfrage nicht annähernd hinterher. In den engen Stadtgrenzen San Franciscos, wo es kaum noch Bauplätze gibt, konzentriert sich das Problem. Dort zu wohnen, wird zum Luxus für eine Elite.

In anderen Großstädten wie Los Angeles, Boston oder New York liegt die Schwelle für Mietbeihilfe zwischen 70.000 und 80.000 Dollar. Aber auch in New York City machen schon Geschichten von Bankern die Runde, die eine Sozialwohnung für 1700 Dollar beziehen.

Wer sich Geringverdiener nennen kann, hat übrigens nicht automatisch Anspruch auf Hilfe vom Staat. Das Budget der meisten Staaten und Gemeinden ist ausgereizt, mit der Folge, dass Bedürftige oft jahrelang auf Wartelisten stehen. Die meisten Agenturen haben laut "Vox" ihre Wartelisten gleich ganz für neue Anträge geschlossen. Und für manche der Sozialprogramme macht es dann auch keinen Unterschied, ob die Antragsteller wirklich arm sind oder wie in San Francisco mit sechsstelligem Einkommen auch noch die Kriterien erfüllen.

Unter Präsident Donald Trump könnte die Bedürftigkeit der Städter noch irrelevanter werden. Der Etatentwurf der Regierung sieht vor, die Mittel für Mietbeihilfe um 10 bis 20 Prozent zu kürzen, den Haushalt für Sozialwohnungen gar um fast ein Drittel.

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