Montag, 26. Juni 2017

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Lehren aus Trumps Besuch in Europa Willkommen in Chinopa

Verständigungsprobleme: Angela Merkel mit US-Präsident Donald Trump (2.v.r.), in Taormina beobachtet von EU-Ratspräsident Donald Tusk, Kanadas Premierminister Justin Trudeau und Italiens Premier Paolo Gentiloni (v.l.n.r.).

Donald Trumps verstörender Europa-Besuch hat gezeigt, dass die bisherige Weltwirtschaftsordnung zerbröckelt. China und die EU sehen sich nach neuen Partnern um. Kann das gutgehen?

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

So manches, was der menschlichen Phantasie entspringt, ist schräg und unwirklich. Schimären sind solche Trugbilder: Mischwesen verschiedener Gattungen, nicht lebensfähig in der realen Welt, und doch existieren sie in unserer Vorstellungskraft. Eigentlich dürfte es sie nicht geben. Aber es gibt sie eben doch, weil alles, was wir denken können, zumindest virtuell existiert.

Die Rede ist hier nicht von Donald Trump - auf den kommen wir gleich noch zu sprechen -, sondern von der Weltwirtschaft. Die 2000er Jahre waren geprägt von einer schimärenhaften Zusammenarbeit zwischen den USA und China: zwei rivalisierende Mächte, die sich ideologisch als Gegner gegenüberstanden, deren ökonomische Interessen aber derart verschränkt waren, dass sie zu einer Zusammenarbeit fanden, ohne einen formalen Deal ausgehandelt zu haben.

"Chimerica" hat der britische Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson diese unwahrscheinliche Allianz genannt: Die aufstrebende Großmacht China versorgte die schwächelnde Supermacht mit billigem Kapital. Amerika konnte mehr konsumieren als es produzierte und einen immer weiterwachsenden Militäretat finanzieren. China wiederum konnte mehr produzieren als es andernfalls hätte absetzen können und seine rasch steigenden Ersparnisse in der Weltwährung Dollar anlegen. Es gab keine Absprachen. Man ließ sich gegenseitig gewähren.

Seit der Finanzkrise von 2008 ist das Modell unter Druck geraten: ökonomisch, aber auch politisch. Den großen Überschuss, den China gegenüber den USA fuhr und bis heute fährt, nahmen viele als Bedrohung für amerikanische Jobs wahr. Die Führung in Peking wiederum hat erkannt, dass China als Supermacht der Billigexporte auf Dauer nicht weitermachen konnte, sondern den eigenen Bürgern mehr Konsummöglichkeiten eröffnen musste. Chimerica, die große Schimäre der Weltwirtschaft, erwies sich als nicht dauerhaft lebensfähig.

Nun bekommt die Sache zusätzliche Brisanz. Und damit sind wir bei Donald Trump.

Der heutige US-Präsident hat China bereits im Wahlkampf massiv mit Strafzöllen bedroht. Zwar hat er seine Wortwahl nach einem Treffen mit Xi Jingping vor ein paar Wochen gemäßigt, aber die Drohungen stehen nach wie vor im Raum. Chinas außenwirtschaftlicher Überschuss insgesamt ist seit der Finanzkrise deutlich zurückgegangen. Aber gegenüber den USA ist er immer noch gigantisch: fünfmal so hoch wie der deutsche.

Europa wiederum ist geschockt davon, dass Trump Amerikas seine Partner diesseits des Atlantiks öffentlich vorführt. Seine verbalen Ausfälle bei Besuchen der Nato, der EU und des G7-Gipfels in den vergangenen Tagen haben abermals gezeigt, dass die USA kein verlässlicher Partner mehr sind: Ob Klima, internationaler Handel oder kollektive Sicherheit - der US-Präsident und seine Leute lassen wenig Zweifel daran aufkommen, dass sie von globaler Kooperation wenig halten. An frühere Abkommen und Zusagen fühlen sie sich nur bedingt gebunden.

Zu Hause stark unter Druck, hat der Präsident seine Auftritte in Europa dazu genutzt, mit markigen Sprüchen und betont undiplomatischem Auftreten zu beeindrucken. Je mehr er in Washington in die Defensive gerät, je weniger er politisch in den USA bewegen kann, desto mehr wird er das außenpolitische Spielfeld für seine breitbeinige Brachialrhetorik suchen. Das war einerseits zu erwarten, andererseits macht es die Sache nicht besser.

Die Trumpschen Abkehr von Amerikas klassischer Führungsrolle wirkt destabilisierend. Eine Folge: Die Weltwirtschaftspolitik sortiert sich neu. Die anderen beiden großen Volkswirtschaften - die EU und China - suchen neue Partner, mit denen sich internationale Probleme bearbeiten lassen.

Am Donnerstag und Freitag findet in Brüssel der nächste EU-China-Gipfel statt. Premier Le Keqiang trifft Ratspräsident Donald Tusk und Kommissionschef Jean-Claude Juncker. Die Agenda ist umfassend: Handel, Klimawandel, Migration, Außen- und Sicherheitspolitik. Gerade in der deutschen Wirtschaft wünschen sich viele, dass daraus eine engere Annäherung der beiden Handelssupermächte wird.

Kommt nun Chinopa?

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