Dienstag, 20. November 2018

Verschwörungstheorie um Milliardär wird global George Soros als "Rothschild des 21. Jahrhunderts"

George Soros

George Soros ist 88 Jahre alt, hat seinen Hedgefonds geschlossen und den Großteil seines Multi-Milliarden-Vermögens abgegeben. Trotzdem wird der Pensionär noch zu einer zentralen Figur der Midterm-Wahlen in den USA an diesem Dienstag.

Präsident Donald Trump versucht die Wahlchancen seiner Republikanischen Partei zu verbessern, indem er die Aufmerksamkeit der Bürger auf eine angeblich das Land bedrohende "Karawane" mittelamerikanischer Migranten lenkt - und über ominöse Finanziers schwadroniert. Ob George Soros dahinterstecke? "Ich weiß nicht wer, aber ich wäre nicht überrascht. Viele Leute sagen, Ja."

Sowohl der Attentäter der Synagoge in Pittsburgh als auch der Absender mehrerer Briefbomben hatten zuvor ihren Terror mit dem Wirken George Soros' begründet. "Die Soros-Verschwörungstheorie wird global", schreibt die "Financial Times".

In den USA könnte sie besondere Wucht entfalten. In Wahlwerbespots der Republikaner wird mitunter schon das Bild des Milliardärs hinter Bergen von Geld ausgestrahlt. Die Behauptung, die "Karawane" bekomme Geld von Soros, wurde zuerst von dem Abgeordneten Matt Gaetz aufgestellt - und bekam dann in rechtskonservativen Kreisen Schwung.

"Soros ist das Haus Rothschild des 21. Jahrhunderts geworden", erklärte die Historikerin Deborah Lipstadt gegenüber der "Financial Times". Der Verweis auf den Namen funktioniere als antisemitischer Code, als Wink an rechtsradikale Gruppen, ohne dass jemand Soros' jüdische Identität erwähne.

Die Verschwörungstheorie entfaltet deshalb besondere Macht, weil George Soros tatsächlich große Summen für liberale Zwecke einsetzt. Sein Vermögen hat er zum Großteil der "Open Society Foundation" übertragen. Die Stiftung hat ein Jahresbudget von mehr als einer Milliarde Dollar und unterstützt damit allerlei Initiativen von Minderheitenschutz über Justizreform bis zur Freigabe weicher Drogen - ironischerweise auch Vorstöße gegen den Einfluss des Geldes in der Politik.

Direkt involviert ist Soros persönlich schon seit Jahrzehnten als einer der größten Einzelspender in der US-Politik auf Seiten der oppositionellen Demokraten. Laut "Opensecrets" steht er im aktuellen Wahlzyklus mit 15 Millionen Dollar auf Platz sieben der größten Einzelspender - allerdings weit hinter Casinomogul Sheldon Adelson, der Trumps Republikaner unterstützt.

George Soros als Reizfigur anzugreifen, funktioniert für rechte Demagogen trotzdem. Schon länger läuft die Dauerfehde der rechten Regierung in Soros' Geburtsland Ungarn. Die von ihm gegründete Privatuniversität CEU zieht sich nun weitgehend aus Budapest nach Wien zurück.

Während der Asienkrise der 90er Jahre hatte sich der damalige malaysische Premierminister Mahathir Mohamed in Wutreden über den "Juden Soros" ausgelassen. Damals allerdings war Soros noch mit seinem Hedgefonds aktiv und setzte tatsächlich Milliardenbeträge auf den dann folgenden Absturz der Landeswährungen von Malaysia und Thailand. Dennoch gestand Mohamed später ein, dass die wahren Ursachen der Krise in ökonomischen Ungleichgewichten lagen - und entschuldigte sich bei Soros.

In Großbritannien zieht Soros aktuell die Wut der konservativen EU-Gegner auf sich, weil er gegen den Brexit mobilisiert. Späte Ironie der Geschichte: Seinen Ruf als mächtiger Finanzier begründete George Soros 1992 als "der Mann, der die Bank von England bezwang" - mit einem Milliardengewinn aus einer Wette auf den Absturz des britischen Pfunds und damit Rauswurf aus dem Euro-Vorläufersystem EWS. Die damalige Währungskrise sorgte dafür, dass die Insel sich von der EU entfernte. Soros könnte also auch als Vater des Brexit gelten.

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