Donnerstag, 13. Dezember 2018

In Deutschland zählen nur Inhalte? Unsinn Warum Körpersprache für Politiker so wichtig ist

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen: Ist der Mensch, der da redet, auf meiner Seite oder auf der anderen?

Stefan Verra
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    Severin Schweiger
    Stefan Verra ist einer der gefragtesten Körpersprache-Experten im deutschen Sprachraum. Seine Vortragsreisen führten ihn bisher in 13 Länder auf vier Kontinenten. Er ist Universitätsdozent, Bestsellerautor und teilt seine Tipps und Körpersprache Analysen auf www.stefanverra.com.

Barack Obama ruft: "Yes, we can!" Und weltweit flippen die Menschen aus. Begeisterung, Vision, bisweilen Hysterie hat er damit ausgelöst. Genau, er hat es ausgelöst. Nicht seine Worte, wie viele Kommentatoren meinten. Angela Merkel tat genau das Gleiche, sie verwendete die exakt gleichen Worte, nur eben auf Deutsch. "Ja, wir schaffen das." Begeisterung? Hysterie? Aber nicht doch. Weder Vision noch Zuversicht, einzig Katerstimmung hat sie damit ausgelöst.

In Deutschland denken zu viele Menschen, wenn man Menschen für sich gewinnen will, reiche ein guter Inhalt. Schnell ist die Moralkeule zur Hand: Hierzulande würden Entscheidungen nun einmal nach sachlichen Kriterien getroffen - und nur danach. Pffffffff.

Klar sind Inhalte wichtig, wenn es aber um das Begeistern von Menschen geht, zählen die gleichen Dinge wie seit Jahrtausenden. Nämlich: Ist der Mensch, der da redet, auf meiner Seite oder auf der anderen?

What you see is all there is

Der Nobelpreisträger Daniel Kahnemann sagt dazu: What you see is all there is! Was uns die Herren und Frauen Politiker auf der Bühne, im Fernsehen und im Internet zeigen ist alles, was uns zur Grundsatzentscheidung zur Verfügung steht. Ich wiederhole: Das was wir sehen. Nicht unbedingt, was wir hören. Und dort sehen wir vor allem: die Körpersprache. Dieses Urteil trifft unser "altes" Gehirn nämlich so schnell, dass der Neocortex, dort liegt das rationale Denken, nicht mithalten kann. Er braucht für diese Entscheidung einfach zu lange.

Merkel hat genau aus diesem Grund lange tolle Zustimmungsraten gehabt. Europa war in der Krise, Deutschland stand gut da. Und wenn Merkel mit ihrer Körpersprache etwas signalisiert, dann ist es Stabilität. Unbewegte Mimik, ruhiger Stand, sehr zurückhaltende Kopfbewegungen, ihr gestisches Spektrum ist hinlänglich bekannt. Das war gut, die meisten Menschen wollten an diesem Zustand festhalten, wollten, dass man am Status quo nur bitte ja nichts ändere. Und genau das verkörpert sie.

Aber nun hat sich die Lage verändert. Unzufriedenheit allerorten, Sorge vor ungezügeltem Zuzug, Krisenangst ... Die Menschen an den Kneipentischen, in den Unternehmenskantinen und im Internet sind zornig, wollen so nicht mehr, sind verärgert. Sie hauen auf den Tisch, schimpfen, verwenden grobe Worte und lehnen "die da oben" ab. Na, kommt Ihnen das bekannt vor? Genau das hat "The Donald" verkörpert. Er hat ganz genau so agiert, wie die Leute am Kneipentisch. Handkantenschläge aufs Rednerpult, diabolische Augenbrauen, Faust gen Himmel und den Mund weit offen. Und an den Kneipentischen hatten sie das Gefühl: "Der versteht uns."

Nota bene: Donald Trump, dieser Inbegriff des Establishments, der, der nur goldene Wasserhähne im Privatjet duldet, führt uns vor Augen: Der Ausdruck unserer Körpersprache vermittelt mehr Emotionen als alle Fakten zusammen. All you see is all there is.

Nicht nur Politiker brauchen eine ausdrucksstarke Körpersprache

Und das heißt für Deutschland: Berlin, wir haben ein Problem! Wie oft habe ich gehört: "Ja, die Amis sind da etwas schlichter. Wir hier entscheiden viel rationaler." Liebe Deutschinnen und Deutsche, Sie werden sich noch wundern! Vor allem Sie, liebe Parteien der Mitte! Ihr Führungspersonal ist zum Teil ein aus der Zeit gefallenes.

Wenn Sie nicht Hillary-like hinweggefegt werden wollen, müssen Sie, neben inhaltlicher Kompetenz, zwei Faktoren erfüllen:

Sie brauchen Politiker, die 1. Aufmerksamkeit erregen und 2. ihre Körpersprache näher am Volk als an der Lobbyistenfraktion haben.

Das meint eine expressive, eine ausdrucksstarke Körpersprache. Keine brave, angepasste, die Angst hat, irgendwo anzuecken. Eine die Aufmerksamkeit erregt. Dazu braucht es Gestik, die einladend ist, Mimik, die begeistert, eine Körperhaltung, die Vision und Zuversicht verbreitet.

Wer seine Arme lasch links und rechts runterhängen lässt und meint, damit andere mitzureißen, irrt. Wer meint, mit leiser, gewählter Sprache die Angst der Menschen in Unterstützung zu verwandeln, irrt. Wer meint, seinen Worten mit einer Raute Leidenschaft verleihen zu können irrt. Liebe Parteien: Ihr irrt!

Während sich die Körpersprache der Eliten nurmehr in reduzierter, allzu kontrollierter, völlig alltagsfremder Gehemmtheit äußert, schäumt das Volk vor Wut, es brüllt und poltert. Ich bin erstaunt, wie sehr man das Offensichtliche ignorieren kann.

Liebe Politiker in Deutschland: Wenn ihr denen, die jetzt so laut und polternd daherkommen und dabei inhaltlich "Postfaktisches" verbreiten, nichts entgegenzusetzen habt, dann ist es höchste Zeit aufzuwachen. Gooood Morning Geeeeermannyyyy!

Unser Gastkommentator Stefan Verra ist einer der gefragtesten Körpersprache-Experten in Deutschland. Er ist Dozent und Autor zahlreicher Bücher.

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