Donnerstag, 17. Januar 2019

Global Cosmopolitans Weltbürger sind schlauer

Aufgesetzt, steif in der Hüfte und gar nicht kosmopolitisch: Die britische Regierungschefin Theresa May irritierte mit einer Tanzeinlage beim Einmarsch zum Parteitag der Tory-Partei

Auch wenn die Nationalisten noch so schäumen: Weltbürger sind klüger, erfolgreicher und kreativer. Den meisten Unternehmen ist das klar und wer Karriere machen will, sollte daher auf internationale Erfahrung setzen.

Je globaler die Wirtschaft wird, desto stärker wird paradoxerweise auch der Widerstand gegen die Weltbürger. So attackierte beispielsweise die britische Premierministerin Theresa May jüngst bei ihrer Rede auf dem Kongress ihrer Tory-Partei internationale Konzerne und ihre Führungskräfte: "If you believe you are a citizen of the world, you are a citizen of nowhere." Viele glauben offenbar, international versierte Leute seien nicht etwa global denkende Kosmopoliten, sondern haltlose Manager, die wie Legionäre immer da anzutreffen sind, wo es das meiste Geld zu verdienen gibt.

Heiner Thorborg
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    Michael Dannenmann
    Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co. KG, die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".
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Solch entwurzelte Gestalten gibt es, keine Frage, aber meine Erfahrung mit internationalen Führungskräften deckt sich eher mit der von Frau Professor Brimm. Die emeritierte Professorin für Organisational Behaviour an der Business School Insead schreibt: Globale Kosmopoliten sind erstaunlich gut darin, aus Erfahrung zu lernen. Sie sind zudem wachstumsorientierter, internationaler im Denken und kreativer als Führungskräfte, die ihre Ausbildung und Karriere wesentlich nur in einem Land absolviert haben.

Sich immer wieder mit den Komplikationen zu beschäftigen, die das Anderssein mit sich bringen, hilft Weltbürgern nicht nur, sich persönlich zu entwickeln, sondern ermöglicht es ihnen auch, im Job flexibel, offen und kreativ zu agieren. Oder wie Brimm es ausdrückt: "Wer ein globales Leben lebt, entwickelt eine psychische Struktur, die es erlaubt, auch komplexe Probleme anzugehen."

Diesen Satz sollten wir uns auf der Zunge zergehen lassen. Der Umkehrschluss, "wer immer nur im eigenen Saft kocht, entwickelt häufig unausgegorene Ideen", lässt sich mit Brimms Forschung zwar nicht belegen, liegt gefühlt aber nahe, wenn man sich die Kandidaten ansieht, die in den USA, Ungarn, Polen, Frankreich, Österreich, Großbritannien, den Niederlanden und leider auch in Deutschland dafür agitieren, die Grenzen dicht zu machen und die Bewegungsfreiheit der Menschen, auch innerhalb der EU, wieder einzuschränken.

Ihre Propaganda von den geldgierigen Legionären der Wirtschaft ist zumeist Unsinn. So schreibt Brimm nach Jahrzehnten der Forschung und Hunderten von Interviews mit Menschen, die in mehr als einer Kultur gelebt und gearbeitet haben: Die Vertreter dieser Gruppe kommen häufig aus kleinen Verhältnissen mit Migrationshintergrund. Sie sind oft in mehr als einem Land aufgewachsen, sprechen daher mehr als eine Sprache und haben vielfach extrem hart gearbeitet, um im Leben voranzukommen. Manche entstammen einem bi-kulturellen Haushalt und sind es von Zuhause gewohnt, dass es mehr als eine Art zu denken, zu sprechen, zu kochen, zu beten und zu arbeiten gibt.

Natürlich erscheint es aus individueller Sicht einfacher, als Deutscher in Deutschland mit Deutschen deutsche Geschäfte zu machen - mit einer klaren Vorstellung davon, was "bei uns" richtig ist und was nicht. Das Ganze hat nur einen Haken: Die Geschäftswelt funktioniert so längst nicht mehr. Finanzströme, Lieferketten, Daten und Vertriebswege sind heute so global wie Sushi, Spare Ribs oder Thai Curry, ob es den Nationalisten nun passt oder nicht. Die Vorstellung, dass man nur Kapital und Waren über die Grenzen schieben sollte - am besten hoch verzollt! - während die Menschen zu Hause zu bleiben haben, ist infantil.

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Daher wächst nicht nur die Zahl der globalen Kosmopoliten, sondern auch die der Akademiker und Unternehmensführer auf beiden Seiten des Atlantiks, die globales Denken als eine wesentliche Voraussetzung für eine Karriere in der Wirtschaft beschreiben. Ganz einfach, weil international erfahrenes Personal weniger Gefahr läuft, Chancen und Risiken der Geschäftswelt zu simplifizieren und daher falsch einzuschätzen. Es hat Gründe, dass inzwischen fast jeder dritte Vorstand in den Dax-Konzerne einen ausländischen Pass hat, bei so manchem seit Jahren erfolgreichen Unternehmen wie Fresenius Medical Care oder Beiersdorf liegt die Ausländerquote in der Chefetage sogar noch deutlich höher.

Wer wirklich vorankommen will in der Welt, als Person und im Job, tut daher gut daran, die Segel zu setzen und auf große Fahrt zu gehen. Wer dagegen auf Theresa May und auf ihr "wir wollen unter uns bleiben" hört, wird das Nachsehen haben - so wie Großbritannien selbst, wo gerade Unternehmen wie Airbus, BMW, Vodafone, Visa, Ryanair, Panasonic, Jaguar und viele andere mehr über ihren Abzug nachdenken.

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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