Dienstag, 19. Juni 2018

Wie der Kapitalismus auch ohne Revolution zugrunde geht Marx und das Ende des Kapitalismus

Karl Marx: Auch die Heimatstadt Trier lässt sich zum 200. Geburtstag des Denkers einiges einfallen

Was kann uns Karl Marx heute noch sagen? Vor allem dass es sich lohnt, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Denn der Kapitalismus scheint gerade zugrunde zu gehen - ganz ohne Revolution.

In gewisser Weise war Karl Marx ein Bewunderer des Kapitalismus. Dieses Wirtschaftssystem habe "massenhaftere und kolossalere Produktionskräfte geschaffen, als alle vergangenen Generationen zusammen", schrieb er. "Unterjochung der Naturkräfte, Maschinerie, Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschiffahrt, Eisenbahnen, elektrische Telegraphen, Urbarmachung ganzer Welttheile, Schiffbarmachung der Flüsse, ganze aus dem Boden hervorgestampfte Bevölkerungen - welch früheres Jahrhundert ahnte, daß solche Produktionskräfte im Schooß der gesellschaftlichen Arbeit schlummerten".

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Atemlose Sätze, aus denen sich so etwas wie Respekt herauslesen lässt. Geschrieben haben sie Karl Marx und Friedrich Engels im "Manifest der Kommunistischen Partei". 170 Jahre ist das her. Es waren hellsichtige Beobachtungen. Die Industrialisierung hatte gerade erst begonnen, da war den beiden bereits klar, welch fundamentale Umwälzungen um sie herum stattfanden.

Dieses neue System würde alles verändern - längst nicht nur zum Guten, das war klar, aber doch mit einer Kraft, die die jungen Autoren beeindruckte: Die räumliche Konzentration der Produktion habe "enorme Städte geschaffen, sie hat die Zahl der städtischen Bevölkerung gegenüber der ländlichen in hohem Grade vermehrt, und so einen bedeutenden Theil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen". Wow!

Karl Marx' Geburtstag jährt sich am Samstag zum 200. Mal. Und wieder einmal stellt sich die Frage: Was kann uns Marx heute noch sagen?

Ich meine, vor allem dies: dass es sich lohnt, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, um die großen Umbrüche der Gegenwart frühzeitig zu erkennen.

"Aller Anfang ist schwer"

Marx war - und ist - aufregend, weil er Klassenkampf und Umsturz prophezeite. Als Ökonom ging es ihm aber vor allem darum herauszuarbeiten, welche Mechanismen zu seiner Zeit die Welt veränderten.

Vor der Revolution stand die Erkenntnis. Und der Weg dahin konnte kein leichter sein. Gleich im Vorwort zum ersten Band seines Monumentalwerks "Das Kapital" entschuldigte er sich bei seinen Lesern für all die Mühen, die er ihnen auf den folgenden hunderten von Seiten zumuten würde: "Aller Anfang ist schwer, gilt in jeder Wissenschaft."

Wie jeder gute Ökonom beschäftigte sich Marx mit den Knappheitsverhältnissen und Problemen seiner Zeit. Knapp war damals Kapital. Unmengen davon waren nötig, um die Industrialisierung und das rapide Wachstum der Städte voranzutreiben. Größenvorteile der Produktion sorgten für das Entstehen großer, anonymer Einheiten: Fabriken, Ballungsräume, Nationalstaaten. Menschen hingegen waren damals ein reichlich vorhandener Produktionsfaktor; die Löhne waren entsprechend niedrig und die Lebensbedingungen häufig erbärmlich. Währenddessen erzielte der knappe Faktor Kapital hohe Renditen.

Marx prangerte diese Verschiebungen nicht nur an, sondern analysierte sie mit beeindruckender Tiefenschärfe. Sein größtes Verdienst war vielleicht, dass er die Wirtschaft nicht mehr als etwas Statisches ansah, sondern die Dynamik erkannte, die sich durch die "Accumulation" von Produktivvermögen entfaltete.

In der Folge hat der Marxismus geholfen, nicht nur den jämmerlichen realexistierenden Sozialismus hervorzubringen - den man Marx selbst posthum nicht ankreiden kann -, sondern auch den Kapitalismus zu reformieren. In Deutschland lauteten die Antworten: Sozialstaat (seit Otto von Bismarck) und Ordnungspolitik (popularisiert durch Ludwig Erhard).

Und heute?

"Kapitalismus ohne Kapital"

Ökonomisch betrachtet spielt Kapital eine immer geringere Rolle. Die wertvollsten Unternehmen der Welt (Apple - neue Zahlen am Dienstag, Alphabet …) stützen sich nicht mehr vor allem auf physische "Produktionsmittel" (Gebäude, Fabriken, Maschinen), sondern auf immaterielle Werte: auf Daten, Information, Wissen, Content, Kreativität, Image. Sie sind viel mehr Wert, als sie an Assets in ihren Bilanzen ausweisen. Kapital im klassischen Sinn ist nicht mehr knapp, deshalb ist sein Preis - der Zins, die Rendite - entsprechend niedrig.

Dies sollte das Thema für Marx' Nachfolger im 21. Jahrhundert sein: Wir erleben eine Wende hin zu einem "Kapitalismus ohne Kapital", wie die britischen Ökonomen Jonathan Haskel und Stian Westlake formulieren. Und der bringt seine ganz eigenen Mechanismen, Knappheiten und Konflikte hervor.

Zu Marx' Zeiten stand die industrielle Produktion physischer "Waaren" im Fokus. ("Die Waare ist zunächst ein äusserer Gegenstand, ein Ding, das durch seine Eigenschaften menschliche Bedürfnisse irgend einer Art befriedigt.") Diese Gegenstände werden hergestellt, gebraucht, verbraucht. Wenn sie jemand besitzt, kann kein anderer sie besitzen. Die Produktion jeder Einheit ist mit Kosten verbunden.

Bei immateriellen Gütern sieht die Sache ganz anders aus.

Die "Waare" der Zukunft

Nehmen Sie diesen Text. Stünde er in einer gedruckten Zeitung, hätte er Eigenschaften wie eine "Waare". In digitaler Form aber können Sie ihn lesen, während andere Leute zur gleichen Zeit dasselbe tun; Sie nutzen ihn weder exklusiv noch verbrauchen Sie ihn. Sein Wert mag sogar steigen, wenn viele Leute ihn lesen, denn dann bietet er umso eher Gesprächsstoff (Anregung, Aufregung, Ärger, Belustigung…).

Der Preis dieses Textes jedoch ist Null; Sie haben keinen Cent dafür bezahlt. Warum? Weil die "Produktion" jeder weiteren Einheit - jeder weitere Abruf - quasi keine Kosten verursacht. Heutige Ökonomen würden sagen: Die Grenzkosten sind Null.

In der "Null-Grenzkosten-Gesellschaft" (der US-Ökonom Jeremy Rifkin) sind die klassischen Mechanismen des Kapitalismus außer Kraft gesetzt. Die Auswirkungen dürften ähnlich radikal sein wie bei der Industrialisierung im 19. Jahrhundert - und die Antworten alles andere als einfach.

Die roten Lampen leuchten: Marktversagen!

Im Detail ist kaum vorherzusagen, wie sich der Wandel vollziehen wird. Aber eines scheint mir sicher: Dem Staat wird eine neue und noch prominentere Rolle zuwachsen als bisher. Denn wir bewegen uns auf eine Welt zu, in der "öffentliche Güter" und "externe Effekte" allgegenwärtig sind. Begriffe, die bei Ökonomen die roten Lampen angehen lassen: "Marktversagen"!

Einige Beispiele:

· Wenn viele Preise gegen Null sinken, gibt es unter normalen Marktbedingungen kein privatwirtschaftliches Angebot. Wer investiert schon, wenn sich damit kaum noch Erlöse erzielen lassen? Möglich, dass der Staat nicht umhinkommt, viele Güter auf Dauer zu subventionieren - oder Marktstrukturen zu schaffen, die den Wettbewerb soweit einschränken, dass dennoch Erlöse erzielbar sind. Das ist heikel. Es wird neue politische Mechanismen brauchen, um eine effiziente und faire Balance der Bedürfnisse und Interessen herzustellen.

· Staatliche Regulierer sind gefragt, wo neue Monopole entstehen. Zum Beispiel Google: Der höchst wertvolle Service einer Suchmaschine mag keinen Preis haben, aber er ist nicht umsonst. Finanziert wird er durch die Daten der Nutzer, die der Konzern wiederum wirtschaftlich nutzen kann. Und zwar umso besser, je größer das Unternehmen ist. Andere Unternehmen, beispielsweise die Anbieter künftiger Mobilitätsservices, werden ähnlich vorgehen: Nicht mehr der Wert eines relativ simplen E-Autos bringt dann die Erlöse, sondern die Daten, die die Nutzer während der Fahrt absondern. Daraus erwächst eine Marktmacht neuen Typs. Der Staat ist gefordert, sie ordnungspolitisch einzuhegen.

· Fortschritt lebt davon, dass Innovationen angestoßen werden. Viele Ökonomen vermuten inzwischen, dass der gemessene Fortschritt (die Produktivität) auch deshalb lahmt, weil auf vielen Märkten die Intensität des Wettbewerbs abnimmt. Wie hält man den Fortschritt unter diesen Bedingungen am Laufen? Lohnt es sich noch, etwas zu erlernen oder Neues zu ersinnen, wenn daraus keine Einkommensvorteile mehr erwachsen?

· Durch die Digitalisierung wird Wissen zunehmend unabhängig vom Menschen verfüg-, kopier- und verbreitbar. Woher aber kommen künftig die Einkommen, wenn Wissen und Können dank Digitalisierung frei verfügbar sind? Um was machen die Leute, die durch den Wandel zum immateriellen Kapitalismus ihren Job verlieren? (Achten Sie auf die Tag-der-Arbeit-Reden am Dienstag.)

· Auch Energie dürfte immer billiger werden. Denn ein immer größerer Teil der Energieversorgung basiert auf Sonne und Wind, auf freien Gütern also, die keinen Preis haben, weshalb schon heute der Großhandelspreis an der Strombörse an windigen Sonnentagen abschmiert. Wenn Energie im Preis verfällt, sinken auch die Transportkosten des Landverkehrs. Was bedeutet das für die Siedlungs- und Produktionsstrukturen? Werden die Städte noch rascher wachsen? Und was wird dann aus verödeten Landstrichen?

Wie Marx, so werden sich auch seine Nachfolger im 21. Jahrhundert in vielem irren. Wie gesagt: "Aller Anfang ist schwer." Aber das sollte sie nicht vom Nachdenken abhalten. Knapp sind heute vor allem Ideen.

Seite 1 von 2

© manager magazin 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH