Samstag, 24. Februar 2018

Rechenzentren verbrauchen mehr Strom als Haushalte Bitcoins Energiehunger wächst trotz Crash - Island in Sorge

Geothermisches Kraftwerk in Island

Mit "100 Prozent sauberen, grünen und nachhaltigen Energiequellen" wirbt das "Moonlite Project" - und mit einem "durchschnittlichen Industrietarif von 0,043 Dollar pro Kilowattstunde". Island, wo es reichlich Ökostrom aus Erdwärme gibt und die Computer im Sommer nicht extra gekühlt werden müssen, ist das gelobte Land für eine bessere Bitcoin-Zukunft.

Moonlite, dessen Rechenzentren zum Schürfen des digitalen Gelds im August den Betrieb aufnehmen sollen, will "eine der größeren globalen Mining-Firmen werden" - und damit den bisher dominierenden Chinesen den Rang ablaufen, die das Gros der Krypto-Coins bisher mit ebenso billigem, aber schmutzigem Kohlestrom herstellen. Sie werden derzeit nicht nur durch den Kurs-Crash von Bitcoin Börsen-Chart zeigen und Co. ausgebremst; die chinesische Regierung zieht die Bremse, weil sie neben der Finanzstabilität auch Energieversorgung und Klimaschutz in Gefahr sieht.

Zieht die aus China vertriebene Bitcoin-Gemeinde jetzt nach Island und begründet eine neue, nachhaltige Existenz? Moonlite ist nur eines von vielen Projekten, die auf der Nordatlantikinsel Rechenzentren aufziehen oder bereits betreiben.

Allzu weit ist es mit der Nachhaltigkeit jedoch nicht her. Die BBC berichtet, dass die Isländer sich bereits vor dem Energiehunger der Miner fürchten. Ein Sprecher des Stromversorgers HS Orka sprach gegenüber dem britischen Sender von "fast exponentiellem Wachstum des Energieverbrauchs von Rechenzentren". Seiner Prognose zufolge würden die Bitcoin-Miner in diesem Jahr 840 Gigawattstunden Strom verbrauchen, und damit mehr als alle isländischen Privathaushalte zusammen, die er auf 700 Gigawattstunden veranschlagt.

Die Bitcoin-Welt verbraucht schon fast dreimal so viel Strom wie ganz Island

Ihm zufolge wäre es unmöglich, alle angefragten Mining-Projekte mit Strom zu versorgen. Im Vergleich zur gesamten isländischen Stromproduktion von gut 18 Terawattstunden - der Großteil wird von industriellen Nutzern wie Aluminiumschmelzen abgenommen, die künftig in Konkurrenz zu Bitcoin-Minern geraten könnten - ist die von HS Orka genannte Zahl zwar noch klein.

Aber auch im Vergleich zum globalen Energiehunger von Bitcoin - der kommt laut dem Bitcoin Energy Consumption Index mit 49 Terawattstunden derzeit auf den Jahresverbrauch von Singapur. Die im Bitcoin-Boom Ende 2017 aufgestellten Vergleiche mit Ländern wie Marokko oder Dänemark sind längst überholt. Während die Preise fielen, wuchs der Strombedarf der Miner immer weiter. Und das ist nur Bitcoin. Die konkurrierende Währung Ether kommt laut derselben Schätzung - diese wenigstens zeitweise rückläufig - auf 13,5 Terawattstunden, eine Reihe weiterer Coin-Alternativen wäre noch zu addieren.

Das von HS Orka genannte "exponentielle Wachstum" ist also nicht völlig abwegig. Binnen weniger Jahre könnte Island schon zu klein für die Bitcoin-Miner werden. Die BBC zitiert einen Politiker der lokalen Piratenpartei, der bereits hinterfragt, was die Isländer von den weitgehend steuerfreien und wenig Jobs bringenden Aktivitäten haben. Immerhin müssten sie im Ernstfall ihr bisher sorgloses Energieparadies aufgeben - mit im Winter bis 25 Grad geheizten Häusern und trotzdem weitgehend gutem Gewissen.

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