Mittwoch, 20. März 2019

Wirtschaftswort des Jahres Diese verdammte Unsicherheit

Populistische Regierungen, voran Amerikas Ober-Erratiker Donald Trump, sorgen ständig für Überraschungen. Das ist Gift für Wirtschaft und Gesellschaft

Planbarkeit war gestern. Inzwischen sind wir ständig neuen Überraschungen ausgesetzt. Und der größte Unsicherheitsfaktor ist - die Politik.

Mein Wirtschaftswort des Jahres lautet Unsicherheit. 87-mal kommen die Worte "uncertain" oder "uncertainty" im aktuellen Wirtschaftsbericht der OECD, der Organisation der Marktdemokratien, vor. Im OECD-Bericht vom Mai waren es noch 65 Mal. Im Gutachten der Fünf Weisen gibt es immerhin 47 entsprechende Nennungen.

Der globale Index der wirtschaftspolitischen Unsicherheit, ermittelt von den US-Ökonomen Scott Baker, Nick Bloom und Steven Davis, hat sich seit Januar verdoppelt - und liegt jetzt auf dem dritthöchsten Niveau, das die Forscher jemals gemessen haben. Unsicherheit ist nicht gut. Sie stört uns bei unseren Planungen. Das ist ein Problem: für die Wirtschaft, für ganze Gesellschaften, für jeden einzelnen.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Steigende Unsicherheit bedeutet, dass unser Bild von der Zukunft immer verschwommener wird. Das hat Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung. Bürger und Unternehmen halten sich zurück. Anschaffungen werden zurückgestellt, Investitionspläne zusammengestrichen.

Der Ifo-Geschäftsklimaindex, der die Stimmung in den Chefetagen deutscher Unternehmen misst, ist im Dezember ein weiteres Mal gesunken. Das passiert. Schließlich kommt ein historisch langer Aufschwung in die Jahre. Dass aber dahinter auch eine große allgemeine Verunsicherung steckt, zeigt sich darin, dass die Streuung von positiven und negativen Antworten so groß ist wie seit fünf Jahren nicht mehr. Die Firmenlenker wissen einfach nicht, was sie von der gegenwärtigen Lage halten sollen. Dazu passt, dass sich auch die Stimmung bei den deutschen Verbrauchern eintrübt, wie die GfK ermittelt hat.

Unsicherheit verunsichert. Sie frisst sich in die Köpfe, verhindert Entscheidungen, destabilisiert die Wirtschaft und erhöht damit potenziell die Unwägbarkeiten weiter. Möglich, dass wir am Beginn einer Epoche der Unsicherheit stehen.

Turbo-Kapitalismus und Turbo-Demokratismus

Klar, niemand weiß, was die Zukunft bringt. Risiken gehören zum Normalzustand entwickelter Gesellschaften. Aber Risiken sind bezifferbar. Ihre Eintrittswahrscheinlichkeit lässt sich berechnen, Prognosefehler bestimmen. Gegen Risiken gibt es Versicherungen. Davon lebt eine ganze Branche.

Unsicherheit hingegen ist etwas Anderes. Der Begriff schließt die Möglichkeit ein, dass die Zukunft ganz anders aussehen kann als die Gegenwart. Aber mit welcher Wahrscheinlichkeit es zu einem Umschwung in die eine oder andere Richtung kommt, lässt sich nicht ermitteln. Damit kann man schlecht arbeiten.

Die vergangenen Jahrzehnte waren eine ziemlich ausrechenbare Epoche, zumindest aus Sicht der westlichen Gesellschaften. Es herrschte weitgehende Stabilität. Selbst die Finanzkrise der Jahre ab 2008 änderte daran zunächst wenig. Der Turbokapitalismus konnte Booms und Crashs produzieren, doch die nationalen, europäischen und internationalen Institutionen funktionierten - nicht perfekt, aber immerhin sprangen sie ziemlich effektiv in die Bresche und verhinderten einen Systemkollaps.

Inzwischen ist die Politik selbst zum Unsicherheitsfaktor geworden. Auf den Turbo-Kapitalismus folgt der Turbo-Demokratismus.

Mehrheiten bröckeln, Gewissheiten schwinden

Populistische Regierungen, voran Amerikas Ober-Erratiker Donald Trump, sorgen ständig für Überraschungen. Handelskrieg mit China, Truppenabzug aus Syrien, Verständigung mit Nordkoreas Diktator Kim Jong Un - Verlässlichkeit ist öde. Das politische Drama muss immer weitergehen. Jeden Tag ein weiterer Akt.

Neue Bewegungen von unten benutzen soziale Medien, um öffentliche Stimmungen zu drehen und Menschen auf die Straße zu bringen. So kam es, dass Großbritannien mit dünner Mehrheit bei schwacher Wahlbeteiligung für den EU-Ausstieg stimmte - und nun offenbar keine Parlamentsmehrheit für einen geordneten Brexit zustande kriegt. Eine Tragödie.

In Frankreich blockieren die "Gelbwesten" Straßenverkehr und Politik. In Brasilien ist dem Rechtsausleger Jair Bolsonaro via Whatsapp-Kampagne der Einzug ins Präsidentenamt gelungen. Die Aufzählung ließe sich mühelos verlängern.

Bei der Suche nach den Ursachen stößt man schnell auf die sozialen Folgen von Wirtschaftskrisen und die in der Folge enttäuschende Entwicklung der Einkommen und Arbeitsmärkte. Auch Zuwanderung und Diversität sorgen offenkundig für Verunsicherung. Aber eine entscheidende Rolle kommt auch dem Strukturwandel der politischen Öffentlichkeiten zu, der dazu führt, dass sich vorherrschende Meinungen so rasch drehen - dass Mehrheiten bröckeln und Gewissheiten schwinden.

In vielen EU-Ländern sind inzwischen Minderheitsregierungen im Amt. Wacklige Konstrukte, die sich mal auf diese, mal auf jene Mehrheit stützen. Entsprechend schwer ist ihr Handeln vorhersagbar. Nicht mal in Schweden, dem Mutterland des unaufgeregten Kompromisses, können sich die Parteien seit Monaten auf eine tragfähige Koalition verständigen.

Deutschland ist bislang von dieser Entwicklung eher mittelbar betroffen. Die Analysen unseres Dortmunder Forschungsprojekts DoCMA legen nahe, dass vor allem die unübersichtliche Lage im Ausland und die Ungewissheit über den weiteren Kurs der Notenbanken, die derzeit aus dem Krisenmodus aussteigen, für Unsicherheit sorgen. Die deutsche Innenpolitik hingegen war lange enorm stabil, geprägt von Angela Merkels Regierungsstil - langweilig, aber (meistens) berechenbar.

Doch diese Ära neigt sich dem Ende zu. Auch im Inland könnte es mit der relativen Ruhe bald vorbeisein.

Die Vermessung der Welt

Die Moderne lässt sich verstehen als Großprojekt gegen die Unsicherheit. Staatliche Institutionen, anständig organisierte Unternehmen und wohlregulierte Märkte sollten das Unwägbare einhegen und es zu Risiken abmildern, die für den Einzelnen leichter handhabbar sind.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begannen Statistiker damit, Gesellschaften systematisch zu vermessen. In den vergangenen Jahrzehnten machten Prognostiker große Fortschritte dabei, die unmittelbare Zukunft vorherzusagen. Sozialstaaten wurden ausgebaut, um individuelle Lebensrisiken abzusichern. Sogar das Wetter kommt nicht mehr so überraschend über uns wie früher, denn die Prognosen sind deutlich treffsicherer geworden.

Doch nun tun sich Risse auf. Das Vertrauen in staatliche Institutionen und Unternehmen ist gesunken. Wissenschaft gilt nicht mehr unbedingt als verlässlich. Dem Journalismus ergeht es nicht besser: Viele Bürger sagen, sie könnten nicht mehr unterscheiden zwischen realen Nachrichten und Fake News.

Gesellschaften drohen ihr gemeinsames Wissensfundament zu verlieren. Freiheitliche Demokratien müssen erst noch beweisen, dass sie unter den neuen Bedingungen auch weiterhin funktionsfähig bleiben.

Wenn Unsicherheit die wirtschaftliche Entwicklung behindern und dadurch das Vertrauen in Institutionen und Unternehmen weiter schwindet, dann gerät die Steuerungsfähigkeit ganzer Nationen noch weiter in Gefahr. Und die Stabilität der internationalen Ordnung gleich mit.

Unsicherheit befördert Unsicherheit. 2019 verspricht, so gesehen, ein spannendes Jahr zu werden.

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