Samstag, 17. November 2018

Exklusiv - Welt-Handelsindex Handelsstreit eskaliert - aber Welthandel wächst dennoch

Containerhafen in Hamburg: Der Welthandel zeigt sich vom Streit zwischen den USA und anderen Nationen momentan weitgehend unbeeindruckt.

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Ist das noch ein Konflikt, ein Streit oder schon ein veritabler Handelskrieg? Der chinesische Ökonom Mei Xinyu jedenfalls, Mitglied der Chinesischen Akademie für Welthandel und Ökonomische Zusammenarbeit, die dem Handelsministerium in Peking unterstellt ist, ist sich sicher: "US-Präsident Donald Trump hat Strafzölle auf chinesische Importe im Wert von 50 Milliarden Dollar verhängt und droht das jetzt um weitere 200 Milliarden Dollar auszudehnen", sagte er diese Woche in einem Interview auf Spiegel-Online. "Wenn das kein Handelskrieg ist, was denn sonst?"

Zu einem Krieg gehören allerdings immer zwei Parteien. Und auch die Gegenmaßnahmen, mit denen Peking auf Trumps Vorgehen reagiert, sind offenbar durchaus wirkungsvoll. Ein Leidtragender ist zum Beispiel die US-amerikanische Fleischindustrie, die nach Berechnungen auf einer Website des chinesischen Finanzministeriums schon bald mit Abgaben von insgesamt über 70 Prozent auf Schweinefleisch klarkommen muss, das aus den USA nach China exportiert wird.

Ähnlich drastisch trifft es die US-Fruchtindustrie. In einer ersten Runde hatte die Pekinger Führung eine Abgabe von 15 Prozent auf eine Reihe von Früchten und Nüssen aus den USA angeordnet. Mit dem jüngsten Nachschlag könnten sich die Zölle auf 50 Prozent belaufen. "Diese Zölle entsprechen einer saftigen Geldsumme", sagt Mark Powers vom Produktionsverbund Northwest Horticultural Council. "Sie machen es uns schwer, im Wettbewerb zu bestehen."

Auf der anderen Seite sind die Fronten im Handelsstreit allerdings nicht überall gleichermaßen verhärtet. Ungeachtet der ab Freitag geltenden Vergeltungszölle will beispielsweise die Europäische Union den Handelsstreit mit den USA nach wie vor in Gesprächen lösen. "Wir sind immer offen dafür, mit den USA zu reden", sagte EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström am Donnerstag in Neuseeland. Zugleich kritisierte sie erneut die verhängten US-Zölle auf Stahl und Aluminium als illegal und nicht den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) entsprechend.

Die weniger harte Haltung der EU im Vergleich zu China dürfte auch mit den unterschiedlichen ökonomischen Gegebenheiten in beiden Regionen zusammenhängen: Während in Fernost die Wirtschaft nach wie vor kräftig wächst und Peking den USA also aus einer Position der Stärke gegenübertreten kann, sieht es innerhalb der EU deutlich weniger rosig aus. Vor allem in südlichen EU-Ländern läuft es nach wie vor nicht rund, weshalb auch die Europäische Zentralbank (EZB) noch immer zögert, von ihrer extrem freigiebigen Geldpolitik abzurücken.

Das spiegelt sich auch in Daten des Instituts für Kapitalmarktanalyse (IfK) in Köln zum weltweiten Handelsgeschehen wider. Wie in jedem Monat hat das IfK auch im Juni den Welt-Handelsindex berechnet, den manager magazin online exklusiv präsentiert. Bemerkenswert: Obwohl sich der Konflikt der USA mit dem Rest der Welt augenscheinlich zuletzt deutlich verschärft hat, konnte der Welt-Handelsindex im Juni gegenüber dem Vormonat zulegen (siehe Grafik).

 Der Welt-Handelsindex vom IfK in Köln legte im Juni zu.
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Der Grund: In Europa gibt es zwar tatsächlich eine Zurückhaltung der Akteure im Handelsgeschehen, die das IfK vor allem auf die politischen Risiken im Zusammenhang mit dem Handelsstreit zurückführt. In den USA dagegen sowie vor allem in China jedoch sei die Wirtschaft und der Handel bislang weitgehend unbeeindruckt von den politischen Spannungen.

"Das sich die Nachfrage aus Europa heraus aktuell abschwächt, ist für mich hausgemacht", meint dazu Markus Zschaber, Chef der gleichnamigen Vermögensverwaltung und Leiter des dazugehörigen IfK. Die Angstkurve, dass der Handelskonflikt sich zu einem echten Handelskrieg ausweiten könnte, sei steil ansteigend, so Zschaber. "Wir sehen eine reale Verunsicherung bei den Unternehmen, die wiederum das allgemeine Investitionsklima negativ beeinflusst."


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Damit nicht genug: Auch der private Verbrauch bei langlebigen Konsumgütern habe sich vor dem Hintergrund jüngst verringert, sagt Zschaber. "So gesehen ist der konjunkturelle Schaden bereits da, da sich die europäischen Unternehmen und die Verbraucher in Sachen Investitionen zurückhalten."

Ausschließlich auf die Diplomatie will sich indes allerdings auch die EU im Handelsstreit nicht verlassen. Die Europäische Union müsse Gegenmaßnahmen ergreifen, um europäische Interessen und Arbeitsplätze zu schützen, sagte Kommissarin Malmström. Ab Freitag gelten daher EU-Gegenzölle auf amerikanische Produkte - allerdings zunächst lediglich im vergleichsweise überschaubaren Wert von 2,8 Milliarden Euro.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Europa will es bei diesen Vergeltungsmaßnahmen aber nicht belassen: In einer zweiten Phase könnten ab 2021 weitere US-Produkte im Wert von weiteren 3,6 Milliarden Euro getroffen werden - darunter Rückspiegel für Autos, Touch-Screens sowie Sicherheitsglas. Zusammen sind das 6,4 Milliarden Euro - genau der Zollwert, mit dem Washington nun Stahl und Aluminium aus der EU belegt.

Gut möglich allerdings, dass US-Präsident Trump bis 2021 auch die Maßnahmen der USA gegen Einfuhren aus Europa längst ausgeweitet hat.

Mit Material von Nachrichtenagenturen

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