Mittwoch, 26. Juli 2017

Alle Artikel und Hintergründe

Kommunikative Glanzleistung im Streit mit Deutschland Erdogan gewinnt immer

Agitiert gegen Deutschland: Recep Tayyip Erdogan

Tom Buschardt
  • Copyright: Stefan Seeboth
    Stefan Seeboth
    Tom Buschardt ist seit Ende der 1990er Jahre Medientrainer. Er coacht Vorstände und Politiker für den optimalen Auftritt vor Mikrofon, Kamera und Publikum. Seit 2004 ist er auch Dozent an der Akademie des Auswärtigen Amtes (Interviewtraining). Er arbeitete für zahlreiche Sender der ARD sowie RTL Aktuell und ist Experte für Krisenkommunikation. www.buschardt.de

Kommunikativ betrachtet machen der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und seine von ihm auf Deutschland-Tournee geschickten Minister vieles richtig: Sie setzen effektive Schlagzeilen und senden klare Botschaften an die eigenen Anhänger - denn um die geht es. Mögen wir Deutschen uns noch so sehr darüber aufregen, wie ein - nach unserem Wertesystem - undemokratischer Staat unsere Demokratie für undemokratische Ziele verwenden möchte. Darum geht es doch gar nicht.

Besonders von Vorteil: In der Hitze der News und des minütlichen Redaktionsschlusses beim Online-Update versäumen es die Nachrichtenmedien, den Zitaten gekränkter türkischer Minister etwas Relativierendes entgegen zu setzen. Nehmen wir den Begriff von der "Skandalentscheidung", wie ein Sprecher Erdogans die Absage einer Veranstaltung von Justizminister Bekir Bozdag in Gaggenau nannte. Deutsche Medien griffen dies in ihren Schlagzeilen dankbar auf.

Die Instrumentalisierung der Medien

Dabei ist der "Skandal" nur die mediale Betrachtung eines als Missstand empfundenen Vorgangs, der an sich wertfrei bleibt. Ob ein Ereignis als "Skandal" betrachtet wird, ist demnach Interpretationssache. Das lehrt uns nicht nur Hans Mathias Kepplinger mit seinem Standardwerk "Die Mechanismen der Skandalisierung", sondern auch der gesunde Menschenverstand, wenn wir für einen Moment innehalten.

Dies nicht relativierend zu verbreiten, ist fahrlässig. So überlassen wir die Wertung eines innenpolitischen Vorgangs in Deutschland der türkischen Regierung. Erdogan-Sprecher Ibrahim Kalin verbreitet: "Mit solchen Entscheidungen kommt das wahre Gesicht derjenigen offen zum Vorschein, die bei jeder Gelegenheit versuchen, der Türkei Lektionen in Demokratie und Meinungsfreiheit zu erteilen."


Das muss ja nicht wirklich negativ sein - auch wenn Kalin es ganz klar als Kritik adressiert. Erteilen wir im "Westen" nicht generell undemokratischen Regierungen gerne Lektionen und Belehrungen? Belohnen wir nicht auf Regierungsebene bei deutlich ärmeren Ländern demokratisches Wohlverhalten mit dem Erlass von Staatsschulden oder der Platzierung von Wirtschafts- und Entwicklungshilfe? Diese Mechanik funktioniert mit der Türkei nun mal nicht.

Späte Betroffenheit

Viel mehr Kritik sollte in Deutschland die Tatsache erfahren, dass uns die ganzen in der Türkei inhaftierten Journalisten erst dann wirklich in einer breiten Öffentlichkeit interessieren, wenn es jemanden "von uns" erwischt. Traurig - aber nun sprechen wir wenigstens darüber. Die Hilfsorganisation Reporter ohne Grenzen bemüht sich schon seit Jahrzehnten um die Freilassung inhaftierter Journalisten auf der ganzen Welt - findet aber in der breiten Öffentlichkeit nur selten Gehör. Natürlich ist es bedauerlich, dass der türkische Justizminister nun ein Gespräch mit seinem deutschen Amtskollegen Heiko Maas hat platzen lassen, indem auch über die mögliche Freilassung des "Welt"-Korrespondenten Denis Yücel gesprochen werden sollte, aber es geht hier um mehr. Yücel und seine Familie mögen mir diese Haltung bitte nachsehen. 150 Journalisten sind derzeit laut Reporter ohne Grenzen in der Türkei inhaftiert. Und wie viele türkische Journalisten sitzen derzeit wegen ihrer Berichterstattung in Deutschland in Untersuchungshaft? Eben.

Lesen Sie auch: Deutsche Politiker empört über Erdogan

Wenigstens wollen die beiden Außenminister miteinander reden und keine Auseinandersetzung über die Medien führen. Gut so. Da kann man auch den Fall Yücel thematisieren - auf einer weniger festgefahrenen juristischen Ebene, als es die Justizminister tun würden. Außenminister haben mehr Spielrauf für sogenannte "weiche Faktoren".

Beide Seiten versuchen derzeit, die Gegenseite mit den eigenen Waffen zu schlagen: Die eine Seite (der auch ich angehöre) argumentiert: "Wer undemokratische Ziele verfolgt, soll in einer Demokratie nicht für diese werben dürfen." Und die andere Seite entgegnet: "Wer von sich behauptet, eine Demokratie zu sein mit offener Meinungsfreiheit, der widerspricht sich, wenn er uns das Reden verbietet." Und wenn wir ehrlich sind, ist der Vorwurf berechtigt: Denn auch bei uns im Lande kommen Parteien und Strömungen zu Wort, die nicht unbedingt über demokratische Kernkompetenzen verfügen. Beide Seiten haben Recht. Sie sind nur unterschiedlicher Meinung.

In dieses Bild passt auch die - aus deutscher Sicht absolut unpassende - Aussage Erdogans, der den Deutschen "Nazi-Praktiken" unterstellt. Damit trifft er uns an unserem wundesten Punkt, der maximale emotionale Fehlfunktionen bei uns auslöst. Seine Anhänger dürfte dies nicht wirklich stören. Im Gegenteil.

Seite 1 von 2
Nachrichtenticker

© manager magazin 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH